EDITORIAL

... immer so weiter?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in Datumsgrenzen setzt man im allgemeinen große Erwartungen. Sie geben Anlaß, einmal einzuhalten, bilanzierend rückwärts und hoffend oder bangend vorwärts zu schauen. Dabei ist klar, daß nicht etwa "von jetzt auf nachher" alles völlig anders oder neu wird. Zukunft speist sich stets aus der Gegenwart, und wenn die Zukunft selbst Gegenwart geworden ist, zerbröselt die jetzige Gegenwart bereits zur Vergangenheit. Vielleicht ist alles doch mehr eine Entwicklung, die sich kontinuierlich und - bei aufmerksamer Beobachtung - gar nicht so unerwartet entfaltet. Will man also gewisse Daten über eine mögliche Entwicklung gewinnen, muß man sie in der Vergangenheit und der Gegenwart suchen. Eines fällt auf in unserer Zeit: die unglaubliche und bestaunenswerte Vielfältigkeit der Lebenserscheinungen in einer der Globalisierung zustrebenden Welt. Über der Betrachtung des scheinbar zusammenhanglosen Nebeneinanders verschwimmt unser Blick für die gesetzmäßigen und evtl. ordnenden Zusammenhänge, und leichte Ohnmachtsgefühle wollen uns verführen, alles einfach so weiterlaufen zu lassen.

Aber an dieser Stelle haben Datums- und Abschnittsgrenzen ihren Sinn und ihre Aufgabe: sie mahnen uns, immer wieder neu zu überdenken und vor allen Dingen neu zu beginnen. Wenn, wie in diesem Jahr, die Datumsgrenze noch dazu ein neues Jahrtausend markiert, erhält dieser Aspekt eine besondere Dimension. Es darf einfach nicht so weitergehen, und das kann es auch nicht. Einer verwendet Geld der Gemeinschaft, um seine persönliche Position in den Machtstrukturen der parteilichen Hierarchie zu stärken, ein anderer gar führt einen willfährigen Krieg zur Förderung seiner Wahlchancen.

Auch wir sind aufgerufen zu fragen: "Wie geht es weiter mit den Heilpflanzenmitteln?" oder: "Wohin geht es mit dem Berufsstand der Heilpraktiker?" Man möchte nicht auf die marxistische Maxime vertrauen, daß das Quantitative eines Tages, wenn es denn nur groß genug ist, ins Qualitative umspringt; das Gegenteil ist denkbar. Wir müssen endlich über die Zukunft nachdenken, und dabei darf es kein Tabu geben. Man muß alles in Frage stellen, um unsere Qualität zu sichern und für alle und jeden transparent zu machen. Die Gesundheitsministerkonferenz hat dem Verbraucherschutz einen großen Stellenwert eingeräumt - Europa ohnehin -, an dem sich alles messen lassen muß.

Auch unsere Organisationsformen müssen wir in unser kritisches Hinterfragen einbeziehen, und da steht in erster Linie die Frage im Raum: "Dienen sie dem Ziel der Mitglieder, eine optimale Qualität genau auf dem Gebiet zu fördern und zu gewährleisten, für das der einzelne sich in seiner Praxis entschieden hat? Können das vielleicht Facharbeitsgemeinschaften besser, und müßten diese in ihrer Bedeutung viel mehr gefördert werden und ins Zentrum rücken?" Nichts, was die Frage der Professionalisierung fördern könnte, darf ein Tabu bleiben. Alles andere hat sich danach zu richten. Es bedarf auf allen Gebieten vermehrter Anstrengungen. Wie sagt man so schön: "Die Konkurrenz schläft nicht." Und dahinter muß nicht unbedingt nur der wirtschaftliche Aspekt stehen, sondern auch die Frage nach der Rechtfertigung für unser Handeln am kranken Mitmenschen. Nicht zwangsläufig Ethik-Kommissionen können diese Frage beantworten, sondern vor allen Dingen die Auseinandersetzung jedes einzelnen mit sich selbst in ihrer ethischen Dimension.

"Naturheilpraxis" wirft deshalb zu Beginn des Jahrtausends sozusagen den Hut in den Ring (s. Seite 138: Naturheilpraxis Spezial "Ethik in der Komplementärmedizin"), um diesen Aspekt nicht aus den Augen zu verlieren. Wir haben uns für das neue Jahrtausend vorgenommen, weiterhin die kritische Diskussion um die beste Lösung zu führen und zu fördern. Wir danken Ihnen, daß Sie vetrauensvoll mit uns diese Datumsgrenze überschritten haben, und werden uns bemühen, Ihr Vertrauen auch in Zukunft zu rechtfertigen. Es geht um unsere gemeinsame Sache.

Wie auch schon im vergangenen Jahrtausend...

herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/2000