EDITORIAL

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

OTC-Arzneimittel sind heute in aller Munde - und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Konsum freiverkäuflicher Arzneimittel hat nach wie vor zweistellige Zuwachsraten.

Die im "OTC-Report Off-take" des Instituts für Medizinische Statistik (IMS HEALTH) veröffentlichten Marktdaten für das vierte Quartal des Jahres 1999 sowie die Gesamtzahlen für das Jahr 1999 liegen jetzt vor. Die Entwicklung im Selbstmedikationsmarkt hob sich dabei umsatzmäßig gesehen erneut positiv von der Entwicklung des gesamten rezeptfreien Marktes ab.

Während die Verordnungen rezeptfreier Arzneimittel um 4,6% auf 7,19 Mrd. DM zurückgingen, stieg der Umsatz in der Selbstmedikation uni 5,3% auf 8,22 Mrd. DM. Insgesamt wurden in Apotheken, Drogerie- und Verbrauchertnärkten rezeptfreie Arzneimittel im Wert von 15,419 Mrd. DM abgegeben.

Die Entwicklung des rezeptfreien Marktes ist natürlich im Kontext mit der Finanzentwicklung der gesetzlichen Krankenkassen in 1999 zu sehen. Drohende Regresse bei Kassenärzten mögen schon dazu fuhren, daß man die ganze Diskussion um die drohende negativste aller Negativlisten, nämlich die Positivliste, verinnerlicht hat, noch bevor sie da ist.

Insgesamt bestätigt sich erneut, daß Mehrausgaben im Bereich rezeptpflichtiger, insbesondere innovativer Arzneimittel von den Ärzten zumindest teilweise im Bereich der Verordnung rezeptfreier Arzneimittel kompensiert werden. Die Selbstmedikation konnte in 1999 - wie in der Vergangenheit schon des öfteren beobachtet - von den Verordnungsrückgängen profitieren, wenn auch diese nur z.T durch Selbstkäufe ersetzt werden konnten.

Diese Entwicklung mögen viele begrüßen und hierin eine zu mehr Mündigkeit des Patienten sehen. Schön wär's - mehr Eigenverantwortung und Mitbeteiligung an den Arzneikosten für gesundheitliche UngIeichgewichtigkeiten ist bei Einhalten einer sozialen Indikation wahrlich wünschenswert.

Dennoch mag es hier und da noch ein wenig mehr Beratungsbedarf geben, und nicht jedes Mittel, das rezeptfrei angeboten wird, ist von seinen diagnostischen Voraussetzungen her so ganz leicht handhabbar - man denke z. B. nur an homöopathische Mittel.

Wenn hier also die ärztliche Verordnung rezeptfreier Mittel zurückgeht, so erscheint es doch logisch, daß eine gewisse Verordnungslücke entsteht. Daß bei Schmerzmitteln der Warnhinweis auf "Ihren Arzt oder Apotheker" als Ratgeber abzielt, mag uns Heilpraktiker weniger stören. Aber warum sollten wir uns nicht vermehrt als Berater im Bereich von rezeptfreien Arzneimitteln anbieten, die nicht mir stofflicher Aufklärung, sondern auch Erwägungen über z.B. die Konstitution eines Anwenders bedürften, um sie optimal zu nutzen.

Das wäre doch mal ein Feld für eine Öffentlichkeitsarheit unserer Verbände. Mancher hilfesuchende Patient wartet vielleicht auf eine Beratung, aber er weiß nicht, daß der Heilpraktiker auch solche Aufgaben gern übernimmt. Auch eine behandlergestützte Selbstmedikation kann eine Bereicherung sein. Natürlich darf man die Leute nicht wieder mit Negativwerbung abschrecken (man denke an: Wie finde ich einen guten Heilpraktiker?), daß sie ja keine Selbstmedikation betreiben sollen, weil das gefährlich ist, sondern man muß sich sympathisch als sachlich fachliche Bereicherung der ohnehin lobenswerten Initiative des Patienten zu mehr Mit- und Selbstverantwortung empfehlen. Heilkunde sollte auch bei der Anbahnung den positiven Aspekt herauskehren, meint

Ihr


Naturheilpraxis 04/2000