EDITORIAL

Frühlingswind

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

alles ist eine Frage der Mentalität - auch das Feiern und vielleicht offenbart sich Mentalität überhaupt nie so deutlich wie beim Feiern, und hier wiederum stellt sich die Frage nachdem Grad der Ausgelassenheit, der Losgelöstheit von sogenannten Alltagsproblemen, deren Widrigkeit man durch Vergessen und den Rausch des Augenblicks trotzen möchte und im Erfolgfalle auch trotzten kann.

Unsere Beziehungen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterliegen ja im Laufe unseres Lebens, sozusagen altersabhängig einem gewaltigen Wandel. Während man als Kind ganz der Gegenwart verhaftet ist, dem Augenblick elementarer Bedürfnisse wie Hunger und Durst oder aber dem des selbstvergessenen Spiels, wächst man heran mit Plänen für die Zukunft des Erwachsenenseins. Die Folge davon kann ein Verlust von Gegenwart sein, wenn man nur noch die Pflichten zur Erfüllung seiner Zukunftsstrategien und -ziele abarbeitet. Der Augenblick des Lebensgenusses bleibt dabei weitgehend auf der Strecke. Kommt man das erste Mal richtig zur Besinnung und bedenkt seinen Lebensablauf, dann nennt man das speziell beim Mann "Midlifecrisis". Aus dem Bedenken werden allzu leicht Bedenklichkeiten, die auch nicht unbedingt die Anbindung an das Leben in der Gegewart fördern. Schon mischen sich erste rückwürtsgerichtete erinnerungsschwangere Gedanken an die Vergangenheit ein, die für den Rest des Lebens zunehmen, bis sie sich zur einzigen wirklichen Lebensqualität steigern.

Nicht ungesagt bleiben darf, daß die Skizzierung dieser Entwicklung sich eher mit dem ausgesprochen männlichen Lebensprinzip deckt und daß das weibliche Element eine viel stärkere Realitäts- und Gegenwartsbezogenheit besitzt, was sicher auch mit deren elementarer Schutzaufgabe für den heranwachsenden und allein hilflosen und nicht lebenfähigen Nachwuchs zusammenhängt.

Im Gegensatz dazu kann man sich über den Wert der "Realitätsbezogenheit" der sogenannten Stammtischpolitik der Männer kaum streiten, aber Gegenwart schafft sie allemal - jedenfalls für die Beteiligten selbst, nämlich aufgrund ihrer geselligen Begleitmusik bei auflockernden Getränken. Anlaß die Freudlosigkeit zwanghafter Realitätsbewältigung mit glücklichem Vergessen zu übergießen, gibt mehr als genug, weil große Teile unserer Arbeitswelt freudlos geworden sind und kaum noch Identität und Erfüllung erlauben.

Es gibt Völker, deren Feste zeichnen sich durch die größte Unmittelbarkeit aus, eine Unmittelbarkeit wie sie sonst nur die Kinder besitzen.

Man will ja nicht so ohne weiteres behaupten, daß wir nicht mehr feiern können und mit dieser Behauptung Stürme von Widerspruch herausfordern, aber freilich haben unsere kulturellen und zivilisatorischen Lebensbedingungen Spuren hinterlassen. Viele an sich festliche Anlässe und Zusammentreffen sind an unseren beruflichen Alltag gebunden, der uns nicht aus den Krallen läßt: ein Geschäftsessen, Verpflichtungen zu Betriebsfeiern u.ä. ... Jetzt im Frühling kommen einem die Gedanken des Aufbruchs besonders drängend. Ich wünsche Ihnen, daß Sie irgendwo an einem Frühlingsfest vorüberkommen, spontan eingefangen werden, um einen Augenblick inne zu halten und Gegenwart zu begegnen, zu spüren, daß die Gegenwart wert ist gelebt zu werden - es gibt nur diese eine, oder wie heißt es sinnlich-besinnlicher? - "Das Getanzte kann uns keiner nehmen". Gönnen Sie sich in diesem Frühling einmal eine Absage an die linke Gehirnhälfte.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/2000