EDITORIAL

... common sense

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wichtig ist, daß wir gerade im Umgang mit kranken Mitmenschen nichts Abgehobenes vollziehen, sondern uns um schlichten und einfachen, wie die geborenen Pragmatiker, die Engländer, es nennen, Common sense bemühen, allgemeinen Sinn, Gemeinsinn, auf gut deutsch: gesunden Menschenverstand, diesen Grundbegriff realistischer Erkenntnistheorie, die meint, daß zur Klärung erkenntnistheoretischer Fragen ausgegangen werden soll von der vorwissenschaftlichen, „unverfälschten“ Erfahrung des „Mannes auf der Straße“, dem nämlich, was einem der gesunde Menschenverstand sagt. Was dieser als unproblematisch akzeptiert, sollte auch von den Philosophen anerkannt werden. Die Philosophie des gesunden Menschenverstandes ist im angelsächsischen Raum zu Recht so gepflegt und sprachphilosophisch gewendet worden als „ordinary language philosophy“.

Und wichtig erscheint mir daran zu erinnern, daß im Zusammenhang mit Heilkunde, so versteht es jedenfalls die Naturheilkunde - und deshalb ist Ethik in gewisser und ursprünglicher Weise in sie integriert -, das spontanere Element der zwischenmenschlichen Ethik nicht die eher mühsame Pflichtethik, sondern eine ganz ursprüngliche Ethik sein sollte, in der noch deren Wurzeln und Motivationen zu spüren sind, z.B. die so bezeichnete Empathie, die Einfühlung, ein intuitives, gefühlsbestimmtes Personenverstehen.

Die Empathie beruht in ihrer einfachsten Form auf animalischer Resonanz wie in der Mensch-Tier-Beziehung. Diese Mitgefühl-Resonanz wird auch als Gefühlsansteckung empfunden, z.B. wenn Kleinkinder mit anderen Kindern mitweinen, beim Erwachsenen: unfreiwilliges Mitlachen. Hierin hat das Mitleid seine Wurzel, was allerdings nicht verbietet, es auch auf ethisch anspruchsvollerem Niveau anzusiedeln, nämlich dem der Mitverantwortlichkeit und Nächstenliebe, die ja im Idealfalle Grundlagen eines gesunden Verhältnisses von Behandler und Patient sein sollten.

Höhere Grade der Empathie werden in den Fürsorge- und Helferberufen gefordert und auch erreicht. Für die Therapeuten, die sich auf ihre Patienten einlassen müssen, ist sie, meine ich, unentbehrlich. Freilich ist in diesen empathie-beanspruchten Berufen immer auch die Abwehr von psychischer Überforderung des Helfers mitorganisiert, was zu berufstypischen Empathie-Grenzen führen kann.

Bei langer Berufserfahrung, platt gesagt bei „Langgedienten“, kann zwar eine größere Treffsicherheit im Urteil über Patienten beobachtet werden, aber es besteht eben auch die Gefahr, daß sich verfestigte Urteilsklischees festsetzen, die einer ursprünglichen und spontanen Zuwendung im Wege stehen.

Psychotherapeuten sowie deren Mitarbeiter trainieren sich daher in der allgemeinen und der problem-spezifischen Empathie. Es wird wissenschaftliches Wissen über die zu verstehenden Beziehungsprobleme vermittelt, und zwar nicht nur diagnostisches Beurteilungswissen zu Etikettierungszwecken. Es wird möglichst so vermittelt, daß es nicht nur zur sozusagen verstehens-technologischen Nutzung bereitsteht, sondern durch Training unmittelbar empathisch wirksam werden kann. Das ist so ein wenig der Vorgang, wie ihn Kleist in seinem Marionettentheater anspricht, nämlich „hinten herum ins Paradies“ zu gelangen. Dennoch: alle Bemühungen, es zu erreichen, laden uns ein wenig mit der Empathie auf, die wir als Behandler, besonders als Naturheilkundler, brauchen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/2000