EDITORIAL

... Arzneimüll

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

laut einer Untersuchung der Deutschen Angestellten Krankenkasse werden jährlich 4500 Tonnen Arzneimittel weggeworfen, und man kann sich ganz sicher sein, daß der Grund hierfür in der Lektüre des Beipackzettels liegt. Wenn auch die Lesegewohnheiten hierzulande durch Fernsehen und andere ?Bebilderungen? zu wünschen übrig lassen, so gilt dies nicht für die überaus spannende Lektüre von Beipackzetteln. Über dreiviertel der Anwender von Arzneien, so ermittelte das Forsa-Institut, lesen diese. Auf die Schauer, die einem beim Kapitel ?Nebenwirkungen? über den Rücken laufen, möchte man ungern verzichten in einem Zeitalter, in dem sich Horrorgeschichten großer Beliebtheit erfreuen, - zumal es ja nicht um irgendeine anonyme Gruselgeschichte im Fernsehen geht, die man lediglich als Zuschauer verfolgt, sondern hier durch Einnahme des Arzneimittels die Möglichkeit geboten wird, in das unmittelbare und persönliche Erlebnis des Grauens eingebunden zu werden: Mundtrockenheit, Pilze im Darm, Wasser in den Beinen, Haarausfall, Schwarzverfärbung der Zunge ?

Wenn auch manches Medikament nicht gegen die Krankheit hilft, den Horrortrip bringt es allemal, und eins kann man den Beipackzetteln nicht abstreiten: deutlich sind sie - jedenfalls in der Aufzählung zu erwartender Nebenwirkungszustände, zumal man mit hypochondrischer Fantasie hinter den lateinischen und Fachausdrücken noch manchen weiteren ungewissen Schauer vermuten kann, der den gut aufgebauten Spannungsbogen der Nebenwirkungen von weniger schlimm bis ganz schlimm ins Unermeßliche steigert. Die Sache hat nur einen Haken: Viele Menschen belassen es beim Lesen des Beipackzettels und setzen sich lediglich in ihrer Phantasie dem Horror der Nebenwirkungen aus, sind aber zu feige, das Ganze mal an sich selbst auszuprobieren und persönlich auf den Horrortrip zu gehen. Auf diese Weise erfährt man auch nicht, ob das Medikament vielleicht sogar auch noch gegen seine Krankheit geholfen hätte, weil es den Weg in die deutschen Mülleimer oder zum Sondermüll angetreten hat und schließlich auf dem großen Berg von jährlich 4500 Tonnen hochbrisanten Arzneischrotts landet - eine kostenträchtige Angelegenheit, wenn man bedenkt, daß die Arzneien nach einer kostspieligen Herstellung, einem raffinierten und gesetzlich geschützten Vertriebsweg, an dem auch nicht schlecht verdient wird, ohne Anwendung direkt in eine ebenso kostspielige Entsorgung einmündet. Eine Vorgang, den man getrost unter „Schildbügerstreiche“ abhaken kann und der kaum zurückstehen dürfte hinter dem Bemühen der Schildbürger, den Mond hinter dem Horizont einzufangen, um ihn ins Rathaus tragen, damit man Licht hat, weil man beim Bau desselben die Fenster vergessen hatte. So weit - so ungut: Der Sinn ist die Sinnlosigkeit. Solche Erscheinungen haben sich eignene Dimensionen geschaffen, die jeden Bezug zum Allgemein-Menschlichen verloren haben - zum Verständlichen ohnehin - und die offenbar nichts mehr verabscheuen als ein wenig lebensidentischen oder zumindest lebenszugewandten Pragmatismus.

Bei soviel Sinnlosigkeit wünsche ich Ihnen im Namen von Redaktion und Verlag dennoch eine besinnliche Zeit zum Jahresausklang, ohne beim Nachdenken über solcherart Sinnlosigkeit etwa gar tiefsinnig zu werden. Halten wir uns an die positiven Dinge unseres schönen Heilberufs, mit dem wir unsere Patienten vor manchem Nebenwirkungshorrortrip bewahren können. - Danke, daß Sie uns auch im vergangenen Jahr eine treue Leserschaft waren.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/2000