EDITORIAL

... unsterblich

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

deine der größten Fiktionen der Menschheit zieht sich durch alle Lebensbereiche, besonders natürlich durch die Medizin: dem Tod ein Schnäppchen zu schlagen, ihn eines schönen Tages besiegen zu können. Der Magie könnte man den halbwahrheitlichen Umgang mit diesbezüglichen Versprechungen noch verzeihen, aber daß die Wissenschaft, die so gern ernst genommen wird, sich hin und wieder auch in den Dunstkreis dieser Möglichkeit begibt und anläßlich der Entdeckung im Bereich der Genetik über diesen Menschheitstraum ernsthaft spekuliert, nimmt wunder.

Natürlich ist es für ein Boulevard-Blatt ein unwiderstehlicher Titel, in fetten Lettern zu fragen: „Altersgen entdeckt: Werden wir alle 450?“ Diese Frage interessiert jeden Leser - außer die, die bereits müde geworden sind und anläßlich ihrer Altersbeschwerlichkeiten in besinnlichen Stunden schon einmal eine ganz andere Frage in sich keimen spüren, nämlich die nach dem Sinn des Weiterlebens.

Und da sind wir wahrscheinlich bei der entscheidenden Frage: nämlich der nach dem Sinn des Lebens überhaupt. Das Ziel unserer Lebensspanne ist sicherlich, Zukunft und Vergangenheit in einer sinnerfüllten Gegenwart zusammenzuführen und auszusöhnen, um so den Bogen eines sinnerfüllten Lebens mit Einsicht in die Gegebenheiten irgendwann abzuschließen.

Es stellt sich die Frage, ob wir denn überhaupt die seelische und geistige Spannkraft hätten, diesen Bogen über eine so lange Zeit von 450 Jahren sinnvoll zu spannen und mit all den Emotionen auszuschöpfen, die nun einmal Leben erst zu dem machen, was wir bis heute immerhin noch darunter verstanden?

Könnten wir, so muß man doch wohl fragen, bei dieser rasanten Entwicklung auf unserem Stern 450 Jahre überhaupt mithalten, ohne diese Entwicklung ab einem gewissen Punkt nicht für eine reine Science-fiction-Simulation des Fernsehens zu halten, weil unser seelisch-geistiges Potential schlicht und einfach ausgeschöft wäre und uns eine aktive Teilnahme verwehren würde.

Ich weiß natürlich nicht, was die Fruchtfliege empfunden hat, die durch eine Manipulation ihres Alterungsgens statt 36 Stunden ihres normalen Lebens bis zu 110 Stunden „gelebt“ hat. Es mag ja sein, daß solche „Manipulation“ auf einer so niedrigen biologischen Stufe, wo Leben praktisch nur aus Verdauung besteht, ohne Probleme abgelaufen ist. Wir wissen es allerdings, nicht und die Fruchtfliege wurde auch nicht gefragt, aber uns Menschen einen so einseitigen Evolutionskick zuzumuten, der unsere Komplexität völlig außer acht ließe, wäre ganz schön gewagt.

Darüber hinaus gäbe es auch ganz praktische Schwierigkeiten: Damit es dann auf dieser Welt nicht zu voll würde, müßte man eine solche Genmanipulation unbedingt mit einer anderen koppeln, die dafür sorgt, daß diese Spezies erst mit 400 Jahren die Geschlechtsreife erlangte.

Die Meinung der Medizin klafft zwischen wissenschaftlichem Ehrgeiz und sozialen Einsichten gewaltig auseinander, und zwischen dem von einem Ärztepräsidenten geprägten Begriff des „sozialverträglichen Sterbens“ und der Fiktion eines Alters von 450 Jahren liegen doch immerhin etwa 380 Jahre, die aufzuarbeiten nicht unproblematisch sein dürfte.

Obwohl, 450 Jahre? - Für einen Politiker eine reizvolle Perspektive: es könnte einer ohne weiteres 200 Jahre Kanzler sein und Zeit genug haben für mindestens 10 bis 20 Schwarzgeldaffären.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/2001