EDITORIAL

... Sinnliche Medizin?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Ja gut, in der Schwarzwaldklinik, da ist natürlich Sinnlichkeit gefragt - da ist es pikant -, ansonsten ist die Medizin recht prosaisch, stromlinienförmig und emotionslos. Wenn die Sinnlichkeit nicht eine solche Begriffseinengung durchgemacht hätte lediglich auf den erotischen Bereich, so möchte man fast für die Zukunft der Medizin zu mehr unmittelbarer, gesundmachender Sinnlichkeit aufrufen. Hände (behandeln, ertasten), Augen (sehen, ansehen, zuschauen, beobachten), Ohren (hören, hinhören, zuhören) - alles dies muß wieder mehr kultiviert und belebt werden. Der Heilpraktiker will seinen kranken Mitmenschen sinnlich als Ganzes erfassen. Natürlich arbeitet er gleichzeitig und selbstverständlich mit festen und bewährten Erfahrungsmustern und nachvollziehbaren Systemen der Diagnosen auch in der sinnlichen Wahrnehmung. Das versteht sich. Aber Qualität geht immerhin vor Quantität.

Die Vorstellungsmodelle und Arbeitshypothesen der Naturheilkunde ergreifen die Probleme einer kranken Persönlichkeit oft viel genauer. Und das Einordnen des Befindens leistet manchmal - nicht nur zusätzlich - mehr als der lediglich klinische Befund. Und deshalb wird auf natürliche Weise manchmal zu aller Erstaunen auch umfassender geheilt als es manche Symptomenreparatur könnte.

Wenn wir uns nicht lediglich in die Krankheit hineinspezialisieren und dabei das Individuelle verallgemeinern, sondern uns mehr um den individuellen Krankheitsverlauf des einzelnen bei gleichen oder ähnlichen Krankheitsursachen und Ätiologien kümmern, dann tun wir Entscheidendes für eine gesunde Zukunft des einzelnen. Und die Summe der einzelnen ist die Allgemeinheit. Hier können wir Heilpraktiker einmal sagen, daß wir damit gute Erfahrungen machen und natürlich möchten wir auf diesen Weg hinweisen. Carl Friedrich von Weizsäcker hat in einem Interview die Hoffnung geäußert, daß die Wahrnehmung wieder mehr kultiviert verde. Auch er empfand konsequentes, technisch-wissenschaftliches Vorgehen auch bei offensichtlich negativen Auswirkungen - nicht, wie es sich selbst sieht, als besonders rational, sondern als absolut irrational. Nicht mit Systemen und Techniken „etwas in den Griff bekommen“, kann das zukünftige Ziel der Medizin sein, sondern Wahrnehmung und Erspüren auch der Bedürfnisse des einzelnen führen in eine gesunde Zukunft.

Systeme müssen auch in Zukunft den richtigen Umgang mit der Macht erlernen, damit sie gesünder für die sind, um die es geht, nämlich die Menschen.

Eine Analyse der Medizin der Gegenwart ergibt, daß sich das Gesundheitswesen verselbständigt hat: systematisiert, technisiert, verwaltet - und daß es als ein Wirtschaftszweig zweifellos eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat, die sich nicht unbedingt immer an den gesundheitlichen Belangen und Nöten des einzelnen orientieren kann und orientiert. Die Folge davon ist ebenso zweifelsfrei eine gewisse Entpersönlichung der gesundheitlichen, medizinischen Versorgung. Der Mensch bleibt auch in Zukunft - so banal es klingen mag - ein soziales Wesen, das erst in der Kommunikation mit dem anderen, mit dem Nächsten, seine Sinnerfüllung und eventuell sogar sein Glück findet. Das Bedürfnis nach Austausch, Mitteilung und Geborgenheit kann weder vollständig von Systemen noch von Maschinen übernommen werden.

In der Hinwendung unserer personotropen Heilkunde zum kranken Menschen liegt doch die Erkenntnis von der Unersetzlichkeit des unmittelbaren sinnlichen Erlebens zwischen Patient und Behandler …“

Sehen Sie mir nach, daß ich mich aus meiner Rede zum „Deutschen Heilpraktikertag 1988 selbst zitiert habe, aber ich finde es gilt noch - oder?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/2001