EDITORIAL

... tot geritten?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Der Erfolg heiligt die Mittel?“ möchte man in Abwandlung eines viel verwendeten und deshalb recht abgegriffenen Sprichworts fast fragen, wenn man heute die Medien einmal ein wenig kritisch unter die Lupe nehmen wollte - und dabei besonders die, die sich der sogenannten Unterhaltung verschrieben haben und bedauerlicherweise, wenn man Umfragen glauben darf, mehr und mehr das verdrängen, was füher das familiäre Gespräch im trauten Kreise war. Der familiäre Kreis scheint zum Halbkreis verkümmert zu sein, in dessen Brennpunkt ein Bildschirm fluoresziert, der das Unterhaltungsthema vorgibt, dem der Halbkreis mehr oder weniger ansprechbar für seinen Nachbarn folgt.

Wenn man nun an sich folgerichtig vermuten würde, daß die Darbietungen auf dem Bildschirm von einer derart unbestrittenen Qualität seien, daß sie logischerweise das familiäre Gespräch untereinander verdrängt hätten, liegt man absolut falsch. Das Gegenteil ist der Fall. Eine Kostprobe deutscher Fernsehunterhaltung beweist zweifelsfrei, daß sie z.B. ein fünfstündiges Mau-Mau-Spiel an Langeweile mühelos um ein Vielfaches übertrifft, und es liegt der Verdacht nahe, daß hiermit kostbare Lebenszeit mutwillig und überdrüssig totgeschlagen wird.

Wer gedacht hatte, daß das „Peter Prinzip“, nach dessen Postulat in einer Hierarchie jeder bis zur Stufe seiner Unfähigkeit befördert würde, um dort für den Rest seines Lebens der Gesellschaft das Leben schwer zu machen und zur Last zu fallen, lediglich für eine Hierarchie gilt, irrt. Diese Regel gilt auch für die freischaffenden „Kreativen“ der deutschen Fernsehunterhaltung. Jede im Grundansatz annähernde „Idee“ wird durch die Mühlen der Endlosvariationen und -wiederholungen getrieben, bis zur Stufe ihrer Unkenntlichkeit - und das selbst, wenn es gar keine Idee war, was in der Regel der Fall ist. Und hier bekommt der Untertitel dieses wundervollen und kurzweiligen Büchleins von Laurence J. Peter und Raymond Hull erst seine Sinnvollendung: „Das Peterprinzip oder die Hierarchie der Unfähigen“. Die freischaffenden Fernsehunterhalter schaffen sich selbst eine Hierarchie: nicht wer am amüsantesten unterhält steht ganz oben, sondern wer am längsten dabei ist, wer kein Mittel scheut „Wiederholungsweltmeister“ zu werden. Und der geneigte Pantoffel-Cineast reagiert nach dem Motto: den schalte ich schon dreißig Jahre ein, da schaue ich gar nicht mehr hin; Hauptsache, ich muß mich nicht mit Oma unterhalten.

Ein Siberstreif am Horizont soll nicht verschwiegen werden: es gibt leichte Anzeichen für Verwerfungen in der Landschaft der fernsehtreuen Zuschauer. Die Endloswiederholungstäter haben von den Nachahmern Konkurrenz bekommen, so daß „Ursprungs“- wie Nachahmerprodukte, Raubkopien wie Generics heute schneller totgeritten werden, als früher. Die Trends werden immer schneller. Das Interesse derer, die die dramatischen Stunden einiger Artgenossen unter Containerbedingungen zunächst gierig verfolgten, soll völlig untypisch für Voyeure alarmierend schnell erlahmen, obwohl man Kamaras jetzt auch auf Toiletten installiert und Girls ohne einen Mann zu einer erotischen Aushungerungskur auf eine Südseeinsel verbannt hat und ihren Leidensdruck zur Schau stellt.

Neulich soll sich sogar schon ein Zuschauer aus dem Fernsehhalbrund völlig untytisch mitten in der Sendung an seine Nachbarin gewandt und gesagt haben: „Na, Oma, wie geht’s denn? Man hört gar nicht’s mehr voneinander.“ Es war allerdings nur ein Teilerfolg für den Kulturaussteiger. Oma antwortete unwirsch: „Sei ruhig, ich will die Sendung sehen“. Es droht also für den weiteren Niedergang der Kultur keine ernste Gefahr. Das beruhigt doch - oder?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/2001