EDITORIAL

... interaktiv?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

natürlich ist Sprache eine Vereinbarung, sich über bestimmte Inhalte zu verständigen. Deshalb ist bei Wortneuschöpfungen eine ganz besondere Sorgfalt geboten, daß die Teile z.B. einer neuen Wortzusammensetzung auch genau beschreiben und somit verständlich machen, was den neuen Begriff in seinem Wesen ausmacht. Auch bei größter Umsicht kann es sein, daß eine Wortneuschöpfung nicht ganz genau den Kern einer Sache trifft, weil ja das Zubeschreibende auch bisher so nicht bekannt war sondern neu ist.

Nun ist heute der Begriff „neu“ nicht mehr wertfrei, sondern hat eine positive Begriffseinengung durchgemacht: „neu“ ist gleich „gut“ oder „besser“. Will jemand heutzutage ein Produkt an den Mann (oder die Frau) bringen, wird er ungern daruf verzichten, dieses Produkt als „neu“ oder „völlig neu“ zu deklarieren und somit die Kauflust anzustacheln in dem Sinne, daß beim Käufer das unzweifelhaftes Mangelefühl entsteht, weil er dieses Produkt gar nicht haben kann (da es neu ist). Da nun aber das Wort „neu“ durch inflationistische Verwendung besonders in der Werbung beginnt abgegriffen zu sein, mobilisiert es als alleinige qualitative Aussage die Käufer nicht mehr in dem Maße, wie sich der Verkäufer dies wünscht. Auf diese „Tatsache“ mußte die Verkaufsstrategie reagieren und sie tut dies mit der Namensgebung für ein Produkt.

Da gibt es einmal die Möglichkeit, Phantasienamen zu erfinden oder zu entwickeln, die zwar irrational scheinen und unverständlich, aber durch ihren Klang in der Gefühlswelt des Käufers „Anklang“ finden und eine positive Resonanz und Kaufstimulation erzeugen sollen. Autofirmen beschäftigen ganze Teams, die an Vokal- und Konsonantenfolgen arbeiten, die beim Käufer Assoziationen, wie Kraft, Eleganz usw., zu einem bestimmten Wagen hervorrufen könnten.

Oder man geht den rationalen Weg, wo in der Namenszusammensetzung ausgedrückt wird, worum es sich bei einem Produkt handelt. Der Kunde soll durch die Wortzusammensetzung z.B. staunend verstehen, was so ein Produkt alles kann. Und da es soviel Staunenswertes nicht jeden Tag gibt, ist die Versuchung der Verkäufer groß, mit dem Namen eines Produktes mehr zu versprechen, als es kann. Hat der Kunde gekauft, merkt er die Übertreibung zwar - so er kritisch ist -, aber dann ist es zu spät. Viel schlimmer ist allerdings, wenn man glaubt, daß das, was das Produkt kann, das sei, was der Name verspricht.

Die virtuelle Welt hat z.B. den Begriff „interaktiv“ geprägt - schön wär´s. Interaktiv hieße aber eine Kommunikation mit der Möglichkeit wechselseitiger Veränderung. Wenn ich mir auf einer Internetseite etwas anschaue und die Möglichkeit habe, was mir gefällt, gleich zu bestellen, dann bin ich zwar aktiv (mit meiner Bestellung), aber das vorgefertigte Produkt ... ? - Ich kann es nehmen oder nicht.

Wirklich „interaktiv“ sein zu können bleibt der Begegnung von Menschen vorbehalten, beide werden sich in der Begegnung verändern und darin liegt wohl auch Sinn. So geschieht es sinnvoller Weise auch zwischen Patient und Behandler bei einem „lege artis“-Vorgehen nach den Prinzipien der Naturheilkunde. Der Patient sucht die Hilfe seines Heilpraktikers, um sich in seinem Zustand zu verändern. Der Heilpraktiker nimmt ihn auf und verknüpft die Persönlichkeit des Patienten mit seinen Erfahrungsmustern; zum Leid des Kranken korrespondiert das Mitleid des naturheilkundlichen Behandlers, der sich auch verändert. Hier ist das Wort „interaktiv“ keine Verkaufsmogelpackung, sondern eine Öffnung zum gegenseitigen Austausch, meint Ihr.

Viel Spaß Ihr


Naturheilpraxis 09/2001