EDITORIAL

bewegt und verletzt ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Dienstag, 18. September 2001: Redaktionsschluß der Oktoberausgabe - eine Woche nach dem Grauen von Long Island und Washington. Was soll man schreiben? - Im Kopf die absolute Ratlosigkeit und Betäubung über das, was geschah. Begreifen kann man das Unsägliche ohnehin nicht. Es bleibt ein Schock, die verzweifelte Trauer um die Opfer, die Ohnmacht nichts tun zu können und auch die Angst, daß dies nur der Anfang war, in dessen weiteren Verlauf wir alle in einen Strudel gezogen werden und das Leid uns noch unmittelbarer in unserem persönlichen Lebenskreis trifft. Funken von Erinnerungen mischen sich in trauriges Nachdenken: da warst Du auch schon mit Deinen Lieben, auf dem World Trade Center. Zögerlich geht man an die Truhe und zieht eines der Bilder-Alben heraus: da steht man auf einem der Türme - freundlich lachendes Gesicht für das Erinnerungsfoto. Man wäre jede Wette eingegangen, daß das nicht passieren würde mit dem World Trade Center. Man fühlte sich sicher und freudig erregt, mit dem Gigantischen so auf du und du zu sein. Man hat gern vergessen, daß es eine absolute Sicherheit nicht gibt. Die Gegenwart des Lebens hat ihre eigene Dynamik: Besinnung und Besinnlichkeit ist ihre Sache nicht. Aber diese Welt hält Ereignisse genug bereit, denen wir geschockt und tief verwundet gegenüberstehen und die uns, wenn wir die Verzweiflung überwunden haben, „zur Besinnung bringen“.

In dieser Phase der noch anhaltenden Traurigkeit - aber auch schon der Besinnung - drängt sich die Frage nach dem Warum in den Vordergrund, die wiederum vordergründig zu beantworten man sich mehr und mehr scheut. Muß es zwangsläufig so sein, daß aufgebaut und zerstört werden muß? Ist es nicht möglich, daß das Aufgebaute nicht zerstört wird? Ist Haß eine unverzichtbare menschliche Eigenschaft?

Wir müßten kein Heilberuf sein, wenn wir nicht nach Ursachen forschen würden. Kommt ein hilfesuchender Kranker zu uns, versuchen wir auch ihn zu verstehen und lassen die Frage, was psychisch wohl alles dahintersteckt, nicht unbeachtet. Gab es vielleicht frühe Kränkungen? Kränkungen, die evtl. keine waren, sondern nur so empfunden wurden? Sind irgendwelche Weichen falsch gestellt worden? Haben falsche Vorbilder scheinbar unaufhaltsame Entwicklungen eingeleitet. Und was so individuell in eine krankhafte Entwicklung einmündet, kann das nicht auch auf Kollektive zutreffen?

Dennoch: Unschuldige Menschen umzubringen bleibt ein abscheuliches Verbrechen, auch wenn wir in zahlreichen Kriegen damit konfrontiert wurden. Sich selbst umzubringen muß man wohl als eine schwere Krankheit bezeichnen, die als individuelles Geschehen tiefster Verzweiflung und Ausweglosigkeit entspringt. Wenn man allerdings Selbstmord als Waffe für ein Kollektiv zur Verfügung stellt, so dürfte das die noch schlimmere Krankheit sein, vor deren Ausmaß wir in verzweifelter Ratlosigkeit stehen und keine Heilmittel zur Verfügung haben - oder doch?

Wir müssen daran glauben. Die Hoffnung muß in unser Leben zurückkehren, denn Hoffnung ist eine unserer wichtigsten Säulen und speist unseren Mut, unsere Kraft zu leben und immer wieder einen Sinn darin zu suchen.

Unser Weiterleben entbindet uns allerdings auch nicht, nach den tieferen Ursachen dieser Entgleisungen, dieser schrecklichen Krankheiten zu fragen, um nicht nur eine Symptomenbekämpfung einzuleiten, sondern echte Heilansätze zu finden, die wiederum die unverzichtbare Hoffnung in unsere Zukunft speisen, ohne die wir unsere Suche nach dem Sinn unseres Lebens aufgeben müßten.

Bewegt Ihr


Naturheilpraxis 10/2001