EDITORIAL

Grippe Welle? ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

jahreszeitlich bedingt kommt jetzt bald nicht nur der Weihnachtsmann, sondern auch die Grippewelle steht im Mittelpunkt vieler besorgter Diskussionen.

Aber ob die in dieser Saison zu erwartende Grippe-Welle böse Überraschungen bereithält, ist noch nicht erkennbar. Lediglich aus Osteuropa sind schon einige wenige Fälle bekannt geworden. Doch die Grippe-Viren sind so unberechenbar wie kaum ein anderer Krankheitserreger. Ihre Wandlungsfähigkeit ist enorm, und ihre Ausbreitung erfolgt rasend schnell. Die derzeit noch ruhige Situation wird sich ändern, meint man, und deshalb lohne sich eine Impfung jederzeit. Gerade Menschen, die zu einer Risikogruppe zählen, sollten sich impfen lassen, wird immer wieder gefordert.

Inzwischen ist zwar ein Medikament auf den Markt gekommen, das die Viren wirkungsvoll an einer Vermehrung im Körper hindert. Doch das Mittel muß sehr schnell nach Infektionsbeginn angewandt werden, und der richtige Zeitpunkt, das weiß jeder Behandler, kann leicht verpaßt werden. Impfen wird deshalb als der sicherere Weg propagiert. Der diesjährige Impfstoff enthält zwei Komponenten, die bereits im vergangenen Jahr aktuell waren, die Antigene A H3N2 (Moskau) und A H1N1 (Neucaledonia). Als dritte Komponente neu hinzugekommen ist das Antigen B (Sichuan).

Die Informationen für die Zusammenstellung der Impfstoffe erhalten die Wissenschaftler vom Überwachungssystem, das 1948 auf Initiative der WHO eingerichtet wurde. Es besteht aus mehr als 100 nationalen Zentren in 83 Staaten und vier übergeordneten Kollaborations-Zentren in London, Tokio, Melbourne und Atlanta. Mit dem Robert Koch Institut und dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt steuert Deutschland zwei Referenzzentren bei. Aber kann man so verheerende Grippe-Epidemien, die an die Pandemie von 1918/19 mit 20 bis 40 Millionen Toten heranreichen, dauerhaft verhindern? Seit der Spanischen Grippe vom Ende des Ersten Weltkriegs hat es noch drei große Wellen gegeben: 1957 die Asiatische Grippe, 1968 die Hongkong-Grippe und 1977 die Russische Grippe. Trotz ihrer Namen gingen nach heutigen Erkenntnissen alle diese Epidemien - und vermutlich auch viele kleinere - von China aus. Dort leben die Menschen in engem räumlichen Kontakt zu ihren Haustieren, oft unter demselben Dach. Influenza-A-Viren befallen jedoch nicht nur Menschen, sondern auch Pferde, Schweine, Hühner und Enten. Unter den Tieren gelten speziell Vögel als natürliches Reservoir für die Grippeviren, zumal sie daran meist nicht erkennbar erkranken. So können sie unbemerkt andere Tiere und den Menschen infizieren. Die Gefahr liegt hauptsächlich darin, daß durch den engen Haustier-Mensch-Kontakt Grippe-Viren mit neuen Antigenen auf den Menschen überspringen. Die Veränderungen können sehr drastisch ausfallen und den Erregern neue Aggressivität und ein grundlegend geändertes Antigenmuster verleihen. Dann hat das Immunsystem es mit einem Erreger zu tun, mit dem es nicht oder nur sehr schwer fertig wird.

Erhöhte Wachsamkeit ist notwendig. Niemand weiß, wann die nächste Pandemie auftritt.

Es ist wie mit allen Krankheiten: ein geschwächtes Immunsystem ist ein Risiko. Damit sind vornehmlich die Älteren, Altersgeschwächten und Kranken unter unseren Patienten gefährdet und bedürfen einer besonderen Risikoabwägung und vorurteilsfreien Beratung. Die Naturheilkunde sieht sich ohnehin nicht als Notfall und Akut-Überlebensmedizin.

Ich möchte all unseren Leserinnen und Lesern im Namen von Redaktion und Verlag eine besinnliche Weihnachtszeit wünschen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/2001