EDITORIAL

... Entscheidung

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die politischen Diskussionen ums Älterwerden sind ja unter vielfältigen Aspekten unser täglich Medienbrot. Besonders heftig streitet man im Rentenbereich um die besten Lösungen für die Zukunft, da geht es schließlich ums liebe Geld, und zwar um das, was man jetzt am liebsten nicht bezahlen, aber doch eines Tages im Alter möglichst reichlich ausgezahlt haben möchte. Jeder halbwegs vernünftige Mensch weiß, daß beides aus der Natur der Sache heraus nicht funktioniert. Ohne die Berücksichtigung des sogenannten demographischen Faktors und entsprechende andere Maßnahmen kann es nicht gehen. Dennoch werden immer wieder Modelle diskutiert, deren Konturen im Nebel von eloquenten Sophistereien verschwimmen und von denen man uns glauben machen möchte, daß sie das Unmögliche doch leisten, wenn man sie denn mit dem parteipolitischen Zauberstab berühren und mit einem guten Glauben an die Zukunft begleiten würde. Als stellten wir mit unserer politischen Kultur oder besser Unkultur nicht schon genug Schecks auf die Zukunft aus, die unsere Kinder einlösen werden müssen. Hätten wir sie in der Fülle wie in der Vergangenheit und hätten diese wiederum alle Arbeit, wäre es ja erlaubt, auch die Zukunft in ähnlicher Weise mit in gegenwärtige Überlegungen einzubeziehen. Aber wir sind eben ausgemachte Egoisten. - Und eine Entdeckung über uns scheint die Situation noch gewaltig zu verschärfen:

Wer besonders alt werden will, wird von der Fortpflanzung ausgeschlossen. Wer Kinder haben möchte, muß sich dagegen mit einer normalen Lebenserwartung begnügen.

In der Natur ist ein solches Prinzip tatsächlich verwirklicht, wie Thomas Johnson und Samuel Henderson von der University of Colorado in Boulder jetzt in der Fachzeitschrift "Current Biology" berichten. Wie ein Schalter entscheidet ein einziges, als DAF-16 bezeichnetes Molekül darüber, in welche Richtung die Entwicklung läuft. Wenn DAF-16 eingeschaltet ist, drosselt es die Fähigkeit zur Vermehrung, kurbelt aber gleichzeitig Reparaturmechanismen in der Zelle an und sorgt damit für eine Lebensverlängerung. Ist das DAF-16 dagegen auf "Aus" gestellt, dann funktioniert die Fortpflanzung reibungslos, aber die Zellreparaturen laufen nicht in vollem Umfang ab, und das verkürzt die Lebensspanne. Die neue Arbeit untermauert nicht nur vielfältige Beobachtungen an den verschiedensten Tieren, wonach ein knappes Nahrungsangebot lebensverlängernd wirkt, sie klärt auch die molekularen Grundlagen dieses Phänomens auf. Danach bedeutet viel Nahrung auch viel Zucker. Damit wird Insulin auf den Plan gerufen, das einerseits den Zuckerspiegel regelt, andererseits dem DAF-16 Zugang zum Zellkern verschafft. Dort veranlaßt DAF-16 die Produktion von Hormonen, die wiederum verschiedene Stoffwechselwege steuern. Das Resultat ist ein "normales" Leben mit Fortpflanzung. Ist die Nahrung aber knapp, dann kommt der Signalweg nicht zustande, die Fortpflanzung wird gebremst, das Leben verlängert. Sollte diese Steuerung im Menschen ähnlich funktionieren, müßte sich jeder früh genug überlegen, ob er Kinder will, denn Zellreparaturen für ein langes Leben dürfen nicht erst im Alter einsetzen.

Die Situation mit unserem Generationenvertrag steht also auf der Kippe, denn länger leben will der Egoist, selbst der, der an einem freien Sonntagnachmittag nichts mit sich anzufangen weiß. Man sollte bedenken, daß man eine solche Entwicklung schwerlich wird mit Sinn erfüllen können. Letzterer ist aber unentbehrlich - auch in jeder naturheilkundlichen Überlegung über ein optimiertes Zellgeschehen und ein gesünderes Leben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/2002