EDITORIAL

erst denken ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Kulturkritik ist eine beliebte Attitüde, mit der man sich gern beweisen will, daß es so schlimm mit unserer Gesellschaft ja nicht bestellt sein kann, weil man ganz offen ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen über die Zustände polemisieren darf. Aber mal ehrlich:
die Lage wird dadurch nicht besser.

Es genügt nicht, daß man die Probleme beim Namen nennt und mit dem Finger auf andere zeigt.

In Deutschland hat sich die Zahl der Verordnungen von Ritalin und vergleichbaren Präparaten seit 1994 verzehnfacht. Und was macht das Bundesgesundheitsministerium, das ja in gewisser Weise für die Entwicklungen in unserem Gesundheitswesen zuständig ist? Es bemängelte erst kürzlich, daß die Mittel „oft zu leichtfertig verschrieben“ würden. Kein Wort zu evtl. Ursachenforschungen, kein Wort zu evtl. Langzeitnebenwirkungen. Man kann nur hoffen, daß neuere Studien aus Amerika zur Kenntnis genommen werden und daß verantwortungsvolles und konsequentes Handeln daraus folgt.

Der Wirkstoff Methylphenidat, der Mitte der 50er Jahre zunächst als rezeptfreies Antidepressivum und Appetitzügler in Deutschland auf den Markt kam, gilt heute als wirksame medikamentöse Hilfe für Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). Die Ursachen dieser Störung sind noch nicht ausreichend erforscht. Eine gängige Annahme der Wissenschaftler lautet, daß der Hirnstoffwechsel, dabei insbesondere die Wiederaufnahme des Botenstoffs Dopamin in die Hirnzellen, bei den betroffenen Kindern gestört ist. Dadurch entsteht ein relativer Dopaminmangel, der mittels Methylphenidat ausgeglichen werden könne. Allerdings ist die Vorstellung der Mediziner, daß es sich nur um eine kurzfristig wirksame Psychodroge handele, auf Grund der neuen Erkenntnisse einer Studie an der University at Buffalo nicht zutreffend. Offenbar ist sogar das Gegenteil der Fall, wie das Tierexperiment zeigte: Bei den Ratten, die mit Methylphenidat behandelt worden waren, wurde eine deutlich erhöhte Anzahl von Neuronen mit c-fos-Aktivität festgestellt, speziell im Bereich des Corpus striatum. Diese im Mittelhirn gelegene Struktur steuert die Motorik und die Motivation.

Frühere Studien hatten gezeigt, daß auch durch Kokain- und Amphetamin-Konsum genau in diesem Hirnbereich eine erhöhte c-fos-Aktivität ausgelöst wird. Vermutlich spielt die Aktivität des c-fos-Gens bei der Entstehung von Sucht eine bedeutsame Rolle. Bekannt ist zudem, daß eine erhöhte Aktivität des Gens insbesondere auch unter Streß auftritt. Wird nun aber das c-fos-Gen medikamentös aktiviert, könnte dies auf eine Fehlfunktion der Hirnzellen hinauslaufen.

Dennoch geht man davon aus, daß Methylphenidat „in der therapeutisch zweckmäßigen, recht geringen Dosierung vermutlich kein Suchtpotential“ berge. Diese Annahme deckt sich mit den noch unveröffentlichten Ergebnissen einer Langzeitstudie an der Berliner Charité, denen zufolge Kinder mit ADS, die Ritalin nehmen, in späteren Jahren sogar weniger zu Suchtverhalten neigen als gesunde Kinder. - Wenn das keine Langzeitveränderungen im Verhalten Heranwachsender sind! Bedauerlich, daß diese anscheinend positive Annahme nicht in ihrer ganzen Dimension kritisch bewertet wird. Weitere Forschungen müßten dringend klären, inwieweit durch einen so tiefgreifend wirkenden Stoff noch weitere Gene aktiviert werden, um das ganze Ausmaß evtl. Fehlentwicklungen erahnen zu lassen.

Alle erdenklichen anderen Therapien sind gefragt - und es gibt sie.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/2002