EDITORIAL

... Schweigen ist Gold?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir Menschen sind ja bekannte Verdränger. Dinge, die unangenehm sind, werden aus unseren Dialogen gern ausgeklammert und in die äußerste Ecke unseres Bewußtseins geschoben. Das Thema Tod z.B. wird in unserer Gesellschaft fein umgangen. Es paßt nicht zum Design einer modernen Wohlstandsgesellschaft, in der durch immer mehr Technik alles machbar erscheinen soll. Da stören Themen, die klar zeigen, daß nicht nur nicht alles machbar ist, sondern daß der Fortschritt des Machbaren seinen Tribut verlangt. Wer befaßt sich schon gern mit der Kehrseite der Medaille.

So gibt es ein Thema, das in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist und auch von Medizinern wohl unterschätzt wird, nämlich die Tatsache, daß ernstzunehmenden Schätzungen zufolge ca. 240000 Menschen jährlich an einer Sepsis erkranken und 40% von ihnen daran sterben. Solange es sich um ein lokales Geschehen handelt und eine Ausbreitung verhindert wird, ist die Sache nicht dramatisch, und unsere Abwehr funktioniert auch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle. Aber die Zahl der dramatischen Sepsiserkrankungen hat sich in den vergangenen Jahren verfünffacht. Man kann die Sache drehen und wenden wie man will, es gibt zwei Gründe für die Zunahme, und die Gründe haben an sich überwiegend ganz wunderbare und positive Aspekte: Einmal erreichen die Menschen heute immer öfter ein gesegnetes Alter, und der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung wächst, und zweitens muß man an die Tendenz von immer mehr großen Operationen, z.B. an Hüfte und Herz, denken, die Leben retten und Lebensqualität wieder herstellen können.

Bei betagten, immungeschwächten Patienten bergen solche invasiven Vorgänge natürlich auch ein erhöhtes Infektionsrisiko. Es wäre sicherlich neben der Sache, allein mangelnde Krankenhaushygiene dafür verantwortlich zu machen. Zentrale Katheter oder Beatmungsschläuche sind eben leider auch Schleusen für massivste Infektionen selbst bei perfekter Hygiene. Unabhängig davon ist auch oft die Länge von schweren Operationen ein Problem. Je länger eine Operation dauert, desto größer wird der Streß für den Körper, desto mehr wird das Immunsystem geschwächt, und die Barrieren können zusammenbrechen, so daß der Körper in eine Phase allgemeiner Mobilmachung gerät mit allen lebensbedrohlichen Symptomen wie Blutdruckabfall und Schock, gegen die die Kliniken dann auf den Intensivstationen anzurennen versuchen.

Hoffnung auf eine gewisse Risikominimierung macht jetzt ein sogenanntes aktiviertes Protein C, das die Sepsissterblichkeit deutlich senken könnte. Es steht kurz vor der Zulassung.

Ganz ausschließen kann man das Risiko aber nicht. Es bleibt dabei, daß, wenn wir die Segnungen lebensrettender Intensivmedizin in Anspruch nehmen möchten, wir auch mit dem Risiko leben müssen. Aber schamhaft verschweigen sollte die Gesellschaft diese Zusammenhänge nicht, im Gegenteil: Aufklärung wäre eine große Entscheidungshilfe für jeden einzelnen unserer Gesellschaft, damit er nicht erst als Betroffener schockhaft mit dem berüchtigten Risikozettel konfrontiert wird, wenn er sein Einverständnis für einen Eingriff mit seiner Unterschrift dokumentieren muß.

Das allgemeine Patientengespräch sollte auch ein solch wichtiges Thema nicht auslassen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/2002