EDITORIAL

... Frühlingswind

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

im ewigen Kreislauf der Natur vom Werden und Vergehen ist die Geburtsstunde des Neuentstehens eingeläutet.

Sicher gilt auch für diesen Aufbruch und Neubeginn der Natur die Binsenweisheit: Aller Anfang ist schwer. Im I GING, diesem genialen Buch der Wandlungen, erscheint DSCHUN - die Anfangsschwierigkeit - als ein Zeichen, dessen Bedeutung ein aus der Erde hervorsprießendes Gras ist, das auf ein Hindernis stößt.

Diese erste Begegnung zwischen Himmel und Erde ist mit Schwierigkeiten verbunden. DSCHUN ist zusammengesetzt aus DSCHEN, dem nach oben gerichteten Erregenden, und aus KAN, dem Abgründigen, Gefährlichen, dessen Bewegung nach unten geht. Geburt und Werden ist immer mit Schwierigkeiten verbunden, Schwierigkeiten, die nicht zuletzt auch aus der Fülle all dessen entstehen, was in dieser Zeit heftigen Empordringens nach Gestaltung ringt. Der Erfolg in diesem Gestaltungsprozeß wird mit dem Maßstab der Beharrlichkeit gemessen. Auch im Bild der Jugendtorheit - MONG - wird vor der ratlosen Torheit des Zögerns gewarnt und wiederum das Recht eines Werdeprozesses beschworen, dem Ausdauer und Beharrlichkeit zum Erfolg verhelfen: „Wenn die Quelle hervorbricht, so weiß sie zunächst freilich nicht wohin. Aber sie füllt durch ihr ständiges Fließen die tiefe Stelle, die sie am Fortschritt hindert, aus, und dann ist der Erfolg da.“ Das Empordringen - SCONG - ist mit Anstrengung verbunden, und den Lebewesen, die dieser Anstrengung zu einem neuen Aufbruch und Empordringen nicht mehr gewachsen sind, droht die Gefahr, mit der wir Behandler im Frühjahr bei hauptsächlich älteren Patienten in unserer Praxis konfrontiert werden. Wer diesen Neu-Aufbruch aber durchleben und erspüren kann, dem bringt dieser Prozeß des Wachsens und Werdens eine schier unerschöpfliche Quelle der Vitalität und Kraft. Er wird in das tiefe Erlebnis dieses Geheimnisses eingebunden, das - wie Hugo von Hofmannsthal es in seinem wunderbaren Gedicht „VORFRÜHLING“ ausdrückt - der Wind über Nacht mit sich bringt:

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten.

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern nacht.


Naturheilpraxis 04/2002