EDITORIAL

... krank oder nicht krank?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

"das ist hier die Frage", möchte man in Anlehnung an den zögerlichen Prinzen Hamlet aus Shakespeares gleichnamigen Drama fast automatisch ergänzen, würde die Frage allerdings für leicht beantwortbar halten: nämlich durch eine Diagnose. Nun sind die Dinge ja alle nicht mehr so klar - spätestens seit der Knappheit der Krankenkassen, der Ausgleiderung bestimmter Symptomatiken aus der Erstattung und nicht zuletzt durch die Fragestellung, welche Krankheiten wir uns eigentlich leisten können und wie alt man unter "sozialverträglichen" Aspekten denn noch werden dürfte.

Das British Medical Journal hat jetzt die Initiative ergriffen und in einem Themenheft die „Rangliste der Nichtkrankheiten" veröffentlicht (BMJ). Bd. 324, N. 7342). Es handelt sich um das Ergebnis einer aktuellen Befragung im Internet, an der 570 BMJ-Leser, in "der überwiegenden Mehrzahl Ärzte, teilnahmen. Sie stellten knapp 200 körperliche und psychische „Nichtkrankheiten" vor, bei denen es sich laut British Medical Journal um „menschliche Vorgänge oder Probleme handelt, die von manchen als ein medizinisch relevanter Zustand definiert wurden, wobei es den Betroffenen aber besser ginge, wenn es diese Definition nicht gäbe".

Auf Listenplatz eins der Nichtkrankheiten steht das Altern. Immerhin 44 Prozent der Umfrage-Teilnehmer befanden, dass dieser Prozess natürlich und nicht per se pathologisch sei

Arbeit, Langeweile und Unwissenheit können erfahrungsgemäß ebenfalls zum Leiden Anlass geben, aber auch hierbei handelt es sich nach Meinung der meisten Ärzte keineswegs um Krankheiten. Auch wer sich mit Tränensäcken, Cellulite am Oberschenkel, ergrauendem Haar, Segelohren, Sommersprossen oder Altersflecken auf dem Handrücken quält, ist deshalb noch lange nicht krank, sondern allenfalls ein Kandidat für den Schönheitschirurgen. Ist er aber wirklich gesund? Nach der weit gefassten Definition der Weltgesundheitsorganisation womöglich nicht: Gesundheit ist demnach ein "Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen".

Die Qualität der medizinischen Versorgung scheint erstaunlicherweise für dieses Wohlbefinden keine wesentliche Rolle zu spielen. Im Gegenteil. Die Bewohner des armen indischen Bundesstaats Bihar, wo die ärztliche Versorgung miserabel ist und die durchschnittliche Lebenserwartung bei unter 60 Jahren liegt, gäben pro 100 Einwohner 15 Erkrankungen im Jahr an; in den USA dagegen berichteten im Schnitt 100 Einwohner von pro Jahr 200 durchgemachten Erkrankungen.

Das Etikett "Krankheit" könne im Alltag unter Umständen Vorteile bringen, einer davon: man genießt sofort Sympathie und Mitleid.

Die Diagnose einer Krankheit, vor allem einer chronischen, berge jedoch auch Probleme: die Chancen am Arbeitsmarkt sinken, die Krankenversicherung fordert einen Risikozuschlag und der Betroffene erhält ein Etikett - er wird als Epileptiker, Neurodermitiker oder Asthmatiker abgestempelt.

Daß Geburt und Schwangerschaft, Rauchen und Gesichtsfalten keine Krankheiten sind, wie die Teilnehmer der Befragung feststellten, dürfte auf allgemeine Zustimmung stoßen. Wie aber verhält es sich mit Depressionen? Zwei Prozent der Befragten erkannten sie nicht als Krankheit an.

Übrigens auf Platz 12 der Rangliste der „Nichtkrankheiten“ rangiert die „Allergie gegen das 20. Jahrhundert“ Gott sei Dank ist es vorbei. Alles in allem: man könnte weinen. - Tränensäcke rangiert allerdings auf Platz 4, aber erst hinter Langeweile.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/2002