EDITORIAL

... groß und stark?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Dicke Lilly, gutes Kind - unter diesem Titel, wenn ich mich recht entsinne, hatte die Filmschauspielerin Lilly Palmer ihre Memoiren veröffentlicht und damals einen Millionenseller auf dem Markt geworfen. Schmeckt man diesen Titel einmal so ein wenig ab, dann hat er etwas Zufriedenes, Tätschelndes aber auch etwas Domestizierendes: Immer schön aufessen und hübsch brav sein! Und schon kommen einem die vielen Sprüche in den Sinn, bei denen Elternliebe - die ja bekanntlich „durch den Magen geht“ - mißverständlich mit dem Essen verknüpft wird: „Iß, damit Du groß und stark wirst!“ Liebevoll verschweigt man, daß die meisten nur stark werden. Selbst bei Babys freut sich das Mutterherz schon über die Maßen, wenn das Kleine - abgesehen von konstitutionellen Gegebenheiten - den Vergleich mit einem fülligen barocken „Posaunenengel“ herausfordert.

Dabei hängt es von der Ernährung in den ersten Lebenswochen in erheblichem Maße ab, ob ein Baby in seinem späteren Leben dick wird oder Diabetes entwickelt. Forscher der University at Buffalo behaupten: Eine falsche Ernährung richtet sogar in der folgenden Generation Schaden an. Professor Mulchand Patel stellte kürzlich auf dem Kongreß für Experimentelle Biologie in New Orleans seine bemerkenswerten Studienergebnisse vor. Sie beziehen sich auf Versuche mit Ratten, sind laut Patel aber durchaus auf den Menschen übertragbar. Demnach gibt es, bei Ratten wie Menschen, nach der Geburt ein Zeitfenster, in dem eine „Programmierung des Stoffwechsels“ stattfindet. Überfütterung oder falsche Nahrung beeinflussen diesen Prozeß negativ. Vor allem eine kohlenhydratreiche Kost sei gefährlich, da sie dauerhafte Veränderungen bestimmter Zellfunktionen verursache und die Basis für chronische Krankheiten im Erwachsenenalter schaffe.

Die reichlich mit Kohlenhydraten gepäppelten Tiere entwickelten innerhalb von 24 Stunden hohe Insulinspiegel, die sie nie wieder loswurden - selbst nicht als ausgewachsene Tiere, die schon längst wieder normales Futter erhielten. Die Forscher stellten bei ihnen molekulare und funktionelle Veränderungen in den Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse fest. Die Tiere produzierten deutlich mehr, Präproinsulin, ein Vorläufer des Insulins. Im Alter von zwei Monaten legten die Ratten kräftig an Gewicht zu; viele Versuchstiere wurden übergewichtig - und blieben es.

Die von ihren Müttern gesäugten Tiere entwickelten sich hingegen völlig normal.

Zur Überraschung der Forscher wirkte sich die Fehlernährung bei jenen Ratten, welche die Spezialmilch erhalten hatten, sogar auf die Tiere der zweiten Generation negativ aus: Diese entwickelten zu hohe Insulinwerte und als ausgewachsene Tiere Übergewicht, obwohl sie nie in ihrem Leben eine kohlenhydratreiche Spezialnahrung erhalten hatten. Nach Angaben der Wissenschaftler war bei diesen Tieren offenbar schon im Uterus die Stoffwechsel-Programmierung ungünstig beeinflußt worden - ausgelöst durch den veränderten Insulin-Stoffwechsel der Muttertiere. Studienleiter Patel vermutet „eine parallele Situation bei Babys, die mit Kohlenhydraten überfüttert werden“. Stillen, sagt der Experte, schütze vor dieser Fehlentwicklung. Er empfiehlt auch, in den ersten Lebensmonaten des Babys auf kohlenhydratreiche Säfte, Früchte und Getreidebreie zu verzichten.

Es ist doch schön, wenn erfahrungsheilkundliches Wissen so eine hochwissenschaftliche Bestätigung erfährt und in gewisser Beziehung ist der Mensch eben auch eine Ratte, wenn auch nur bedingt.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/2002