EDITORIAL

... Nebenwirkungen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Das kleine Wörtchen "Nebenwirkungen" hat sich immer mehr aus seinem Mauerblümchendasein befreit, sich zunächst unbemerkt, aber dann mit aller Brutalität in den Vordergrund geschoben. Es beherrscht heute die Szene auf allen Gebieten des menschlichen Lebens so sehr, daß man vor lauter Nebenwirkungen meistens die Hauptwirkungen nicht mehr ausmachen kann.

Bei einer heutigen Begriffsdeutung des Wortes neigt man zu der formulatorischen Bosheit: Nebenwirkung ist, wenn etwas wirkungsvoll daneben geht. Wie anders sonst sollte man es verstehen, daß z.B. ein Drittel der zur Transplantation anstehenden Nieren durch Arzneimittel hausgemacht sind.

Die Blind-Euphorischen sowie die Spekulanten unter den Fortschrittsgläubigen argumentieren, daß der ständig zunehmende Wohlstand gewisse kleine und kleinste Abstriche an der Natur durchaus rechtfertige. Abgesehen davon, daß von kleinen oder gar kleinsten Abstrichen schon längst nicht mehr die Rede sein kann, so sind auch an der Behauptung des zunehmenden Wohlstandes erhebliche Zweifel anzumelden. Wem von uns ist denn schon ein solches Maß an Wohlstand zu eigen, daß er sich die Dinge wirklich kaufen kann, die zu einer Zeit, als es diese Art "Wohlstand" noch nicht gab, gratis waren oder aber sehr wenig kosteten: die saubere Luft, das saubere Wasser, die giftfreie Nahrung.

Wir müssen uns von der Übermacht der Nebenwirkungen befreien und sie ins rechte Verhältnis zur Hauptwirkung bringen. Und dies wird sicher nur gehen, wenn wir in der Erzielung von Hauptwirkungen in Zukunft nicht mehr zu anspruchsvoll sind. Oder besser gesagt, wir können unsere Ansprüche gar nicht hoch genug schrauben, aber die Ansprüche, die wir als natürlich biologisches Wesen haben: gesunde Luft zu atmen, gesundes Wasser zu trinken, giftfreie Nahrung zu uns zu nehmen. Damit könnten wir eine Hauptwirkung erzielen, die nur erwünschte Nebenwirkungen hat: Kraft, Gesundheit, Vitalität, Lebensfreude, positive Emotionalität. Das Zurückschrauben unseres Anspruchsdenkens in bezug auf den sogenannten Wohlstand, die Bequemlichkeit, absolute Sorglosigkeit, die Befreiung von jeder Verantwortung für sich selbst durch ein dichtmaschiges Netz von Sicherungen, Versicherungen und Regelungen aller Art würde uns auch wieder ein wenig Eigenverantwortlichkeit für unser Leben und ein Stück Lebenskampfstimulanz zurückgeben, die unzertrennlich zum biologischen Überleben und Leben gehören.

Schwärmerei? Nein. Gerade für uns Naturheilkundler notwendige Wahrheiten. Haben wir es doch in unseren Praxen täglich mit den Auswirkungen all dieser Nebenwirkungen zu tun, die unsere Zeit produziert: Freudlosigkeit, Gleichgültigkeit, medikamentös gleichgeschaltete Seelenstumpfheit, Depression, Schlaflosigkeit, Sprachlosigkeit, Ausdruckslosigkeit - Endglieder einer Kette von Nebenwirkungen, deren Hauptwirkung der Fortschritt der Menschheit und der Wohlstand sein sollten, Abfallprodukte einer manipulierten und ausgelaugten Natur: Nebenwirkungen.

Wir Naturheilkundler fragen uns, wann kommt endlich die Sicht und Einsicht der Naturwissenschaften, wenn schon nicht zur Bewunderung, so doch wenigstens zur Anerkennung der in Wirkungen und Nebenwirkungen so genial ausbalancierten Gesamtkybernetik biologischer Existenz. Haben vielleicht doch noch einmal die sinnvollen Nebenwirkungen eine Chance? Wenn die Materie mehr und mehr vergiftet ist, mag vielleicht die Stunde gekommen sein, etwas weiter von ihr abzurücken? Wenn man an die neuesten Lebensmittelskandale denkt, kann man nur werbetexten:

"Askese war nie so gesund wie heute"

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/2002