EDITORIAL

... Stopp the World???

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

"Zurück zur Natur!" - halbmißverstandener, mit liebenswürdiger Inkonsequenz und desto verheerenderen Folgen behafteter Urlauber-Schlachtruf, der eine zwar verständliche Fluchtperspektive aus der Leistungsgesellschaft darstellt, ein mehr oder weniger diffuses Fernweh ausdrückt und sicher auch eine unbändige, manchmal besinnungslose Sehnsucht markiert: irgendwo anzukommen, im Idealfall bei sich selbst.

Werfen wir zunächst einmal den materiellen Ballast ab, den der vermeintlich zielstrebig in die Natur reisende Urlauber in seinem Gepäck mit sich führt, wenn er aus seiner Alltagswelt kommt, in der er in mehr oder minder technische und intellektuelle Arbeits- und Lebensabläufe eingespannt ist: Ein Zahn an einem Zahnrad, von dessen Größe und Umfang er kaum einen Begriff hat und schon gar nicht davon, worum es sich dreht. Der zurückgelassene Zivilisationsballast, mit dem man sich seine kleine Ferienfluchtburg, die man zuvor noch als sogenannte Natur zu erkennen vermeinte, mit mehr oder weniger Phantasie und Pioniergeist seinen Alltagsgewohnheiten gemäß ausstaffiert - dieser Ballast verwandelt denn auch so manche Oase zu einem zivilisatorischen Müllplatz, der jeden weiteren Besuch als wenig sinnvoll erscheinen läßt, wenn nicht gar unmöglich macht. Allein schon aus diesen materiell-ökologischen Gründen muß man den Schlachtruf "Zurück zur Natur!" für ausgesprochen bedenklich halten.

Aber auch hinter der "reinen" Maxime Rousseaus im Sinne eines "Retournez à la nature" lauert ein Mißverständnis oder - gelinde gesagt - eine zwar verständliche, aber dennoch problematische Wunschvorstellung, die eher in den Glaubensbereich als in den der Erkenntnis über natürliche Vorgänge gehört und deren konsequente Umsetzung in der Realität auf dieser Welt - wie man sich gut vorstellen kann - zu einer ziemlichen Verwirrung führen würde.

Hinter diesem Rousseauschen Weltverbesserungsvorschlag nämlich steckt letztendlich die fast unglaubliche Annahme, daß der Mensch von Natur aus gut sei und erst der Umgang in der Gesellschaft ihn verderbe. Wenn man bedenkt, daß der Mensch selbst - durch seinen gesellschaftlichen Umgang - die sogenannte "Gesellschaft" bildet, kann man sich sicher schnell auf die etwas unangenehme und peinliche These verständigen, daß der Mensch sich also selbst verdirbt oder, um es im Großrahmen kybernetischer Gesamtevolution biologischer Existenz zu sehen, daß wohl die Dinge so sind, wie sie sind und in gewissem Sinne den aktuellen Stand ganz normaler naturgesetzlicher Entwicklung darstellen.

Wenn man weiter bedenkt, daß in einem Zeitrafferfilm, der die Gesamtevolution vom Urknall bis zum Heute zusammenfaßt und der ein Jahr lang dauert, die Entwicklung der Menschheit wiederum von Anbeginn bis zum heutigen Zeitpunkt nur die letzte Viertelsekunde in diesem ein Jahr langen Streifen ausmachen würde - daß man also praktisch gar nicht so schnell hingucken kann, wie der gesamte menschliche Spuk, kaum daß er begonnen hat, schon wieder vorbei ist -, wenn man also dieses einigermaßen vorstellbar gemachte Unvorstellbare auch nur halbwegs recht bedenkt, so handelt es sich offensichtlich um eine naturgesetzliche Entwicklung. Aus der Perspektive dieser wahrhaftig gewaltigen Gesamtevolution von physikalischen und chemischen Katastrophen ungeheuren Ausmaßes begleitet - diesen unvorstellbar gewaltig nach vorne drängenden Evolutionsschüben -, angesichts also dieser gewaltigen Dimension muß der "Stop the World"-Mahnruf dieses Viertelsekundengeschlechts bizarr anmuten.

Wenn wir nur einigermaßen auf die Naturgesetze vertrauen, muß es wohl heißen:

"Vorwärts zu den Wurzeln".

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/2002