EDITORIAL

... Wir sind das Volk ???

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

"Nach Parlamentswahlen wird eine Regierung gebildet, es gibt Mehrheitsentscheidungen und intakte Institutionen - aber "die Stimme des Volkes" verliert in lebenswichtigen Fragen zunehmend an Bedeutung. Der Sozialwissenschaftler Lord Ralf Dahrendorf sieht hierin einen Kernpunkt dessen, was er "eine schwere Krise der Demokratie" nennt. "Die Entscheidungen sind aus dem traditionellen Raum der Demokratie ausgewandert", sagte er anläßlich seiner Bucherscheinung "Die Krisen der Demokratie" (höchst lesenswert) in einem jetzt auch in deutscher Sprache vorliegenden, ausführlichen Gespräch über diese Krise.

Höchst bedeutsame Beschlüsse für einzelne Länder und ihre Menschen würden, so Dahrendorf, von eigentlich nicht demokratischen Foren wie den Vereinten Nationen, der Europäischen Kommission, der Nato, dem Weltwährungsfonds, der Weltbank und multinationalen Unternehmen getroffen.

Dahrendorf nannte in diesem Zusammenhang auch die Auswirkungen der internationalen Kapitalflüsse, die in vieler Hinsicht eine unkontrollierte Freiheit genössen. "In der Welt, in der wir heute leben, werden die wichtigen Entscheidungen nicht mehr im Parlament, sondern auf Ebenen ober- oder unterhalb des Parlaments getroffen", stellt er fest.

"Die universelle und gleichzeitige Verfügbarkeit von Informationen, der Kern der Globalisierung, erlaubt es, die traditionellen Institutionen der Demokratie zu umgehen." Dadurch würden Fragen von enormer Tragweite aufgeworfen.

Das grundlegende Problem heute scheint ihm zu sein, wie in Zukunft das Volk seinen Willen zum Ausdruck bringen und in welcher Weise es die politische Entscheidung bestimmen kann. Wichtig wäre es - und man sei auch schon dabei -, ein breites Spektrum neuer Möglichkeiten zu erkunden - oft ambivalente Versuche, mit positiven und negativen Aspekten. "Wir wissen am Ende dieser Phase nicht, welche dieser neuen Wege Bestand haben werden und welche nicht", äußert Sir Ralf bedenklich.

Unter den von ihm genannten möglichen Mitteln und Wegen sind u.a. das Internet, die Beteiligung an großen öffentlichen Demonstrationen, Volksentscheide und zweckgebundene Steuern. Als erste und sofortige Maßnahme müßte nach seiner Auffassung versucht werden, die traditionellen, die gewählten nationalen Institutionen stärker in den Entscheidungsprozeß der internationalen Organisationen einzubinden.

Was von Dahrendorf analytisch und sozialkritisch ausformuliert wird, spürt der Bürger täglich am eigenen Leib. Über Fortbestand bzw. über rigide Einschnitte in dem traditionellen und naturheilkundlichen Arzneimittelschatz in Deutschland, diesem Land der Naturheilkunde, bestimmt die Europäische Kommission, ein Gremium aus Leuten, die aus anderen Traditionen kommen. Konsens auf dieser Ebene können sie nur finden auf der Grundlage des medizinwissenschaftlichen Dogmas. Also geht man den Weg des geringsten Widerstandes, zumal man hierin sicher auch noch durch eine mächtige Lobby bestärkt wird. Die vielbeschworene Subsidiarität, die Entscheidung vor Ort nach Augenmaß und vor allen Dingen nach dem Bedürfnis der Bürger, bleibt auf der Strecke. Anflüge von Ohnmachtsgefühlen dürfen wir nicht zulassen. Dahrendorf hat recht: wir müssen kämpfen - vor Ort - in den Bereichen, von denen wir etwas verstehen - für unsere hilfesuchenden Patienten und mit ihnen. Gemeinsam könnten wir schon gehört werden.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/2002