EDITORIAL

... teure Bagatellen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

beim Kassenärztlichen Notdienst klingelt permanent das Telefon - besonders jetzt in der kalten Jahreszeit. Kurze abklärende Fragen des Notarztes, ob eine Notwendigkeit für einen nächtlichen Hausbesuch besteht, werden immer öfter mit geradezu panischen Hilfeschreien, die einen akuten Notfall vermuten lassen, beantwortet. Der Sohn hat hohes Fieber und fürchterliche Schmerzen. Der Notarzt müsse sofort kommen. Der Mediziner, an jenem späten Abend für den Kassenärztlichen Notfalldienst im Einsatz, steuert unverzüglich die angegebene Adresse an. Dort trifft er schon im Treppenhaus auf eine vollkommen aufgelöste Mutter und im Jugendzimmer, welches von oben bis unten mit Bodybuilding-Fotos gepflastert ist, auf den 19-jährigen Sohn, einen durchtrainierten, muskelbepackten jungen Mann - tränenüberströmt liegt er auf seinem Futon. Alles täte ihm weh, es gehe ihm so schlecht wie noch nie. Die Fiebermessung ergibt: 38,5 Grad. Die Diagnose: grippaler Infekt, passend zur Jahreszeit. Der Junge hatte eigentlich nichts, er glaubte aber, sterbenskrank zu sein. Der Arzt weiß nicht, ob er sich darüber amüsieren oder ärgern soll.

Denn die Fälle, in denen wegen einer Nichtigkeit der Notarzt gerufen wird, nehmen dramatisch zu. Auch die Wartezimmer der Ärzte werden immer häufiger wegen regelrechter Bagatellen bevölkert. Nur 20 Prozent der Rufe sind echte Notfälle. In 60 Prozent der Fälle könnten die Patienten ohne Probleme bis zum nächsten Morgen warten und dann den Behandler ihres Vertrauens aufsuchen. Die restlichen 20 Prozent sind sogar „vollkommen überflüssig“: Da wird der Notarzt auch schon mal gerufen, weil das Kind so verschnupft und quengelig ist. Weil aber kein Notarzt kommen würde, wenn er den wahren Grund für den Anruf wüßte, läßt die Beschreibung der Symptome nichts an Dramatik zu wünschen übrig. In Zeiten der Überbelastung der Notdienste und der knappen Kassen im Gesundheitswesen fragt man sich, warum offenkundiger Mißbrauch nicht geahndet wird wie das unbegründete Ziehen der Notbremse in der S-Bahn.

Aber so einfach sind die Dinge nicht, die große Mehrzahl der Anrufer ist in echter Sorge und tief verunsichert. Den Patienten fehlt heute zunehmend das Wissen, eine Erkrankung als harmlos einzustufen und mit Hausmitteln zu behandeln. Das sind offensichtlich die Folgen eines allmählichen Verschwindens und Vergessens der guten alten Rezepte der Volksmedizin.

Früher guckte die Großmutter in den Hals und verabreichte Wickel gegen eine Entzündung. Heute eilen die Patienten beim geringsten Anflug von Rachen-Rauigkeit in die Sprechstunde. Das soll sich vorsichtshalber der Doktor anschauen, damit sicher ist, daß „wirklich nichts Schlimmes dahintersteckt“. Die zunehmende Unsicherheit über seine gesundheitlichen Belange scheint die Ursache für einen wachsenden Bagatell-Tourismus in die Arztpraxen zu sein. Und es sollen vor allem die Patienten zwischen 20 und 50 Jahren sein, bei denen mangelndes Wissen über den eigenen Körper und fehlendes Vertrauen in die Selbstheilungskräfte beobachtet wird.

In diesem Problem steckt wahrscheinlich ein viel größeres Einsparpotential als in allen planwirtschaftlichen Deckelungsmaßnahmen, mit denen man jetzt die Kassenmedizin überzieht.

Gefragt ist Aufklärung, die Zusammenhänge verstehen, um gesundheitliche Ungleichgewichtigkeiten an sich selbst besser einschätzen zu können. Ich meine, Patienten in der Obhut der Naturheilkunde sind in der Regel besser aufgeklärt, und insofern sind sie in Zeiten knapper Kassen die sparsameren Patienten, abgesehen davon, daß sie auch gesünder leben - Hypochondrie ist letztlich auch eine Krankheit.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 01/2003