EDITORIAL

... Dickes Vertrauen?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

endlose Wartezeiten, Abfertigung im Drei-Minuten-Takt oder Schummel beim Zahnersatz – es gibt viele Gründe, die das Patientenvertrauen gegenüber dem Arzt schwinden lassen. Amerikanische Wissenschaftler glauben jetzt eine weitere, ungewöhnliche Ursache ausgemacht zu haben: Je dicker ein Arzt, desto weniger vertrauen ihm seine Patienten.

Die Forscher befragten über 200 Patienten danach, wie ernst sie die Gesundheitsratschläge ihrer Hausärzte nehmen. Dabei kommen dünne Ärzte mit ihren medizinischen Weisungen deutlich besser bei den Patienten an als ihre übergewichtigen Kollegen.

An der Studie, die vor einiger Zeit im Fachblatt „Preventive Medicine“ veröffentlicht wurde, beteiligten sich zwei übergewichtige Ärzte, die jeweils über zwei Zentner auf die Waage brachten (Body-Mass-Index: 51 und 57), zwei schlanke Ärztinnen (BMI: 31, 33) und ein dünner Arzt (BMI: 31), alle mit jeweils vergleichbarer fachlicher Qualifikation. Ein Einfluß durch das Geschlecht der Ärzte konnte nicht festgestellt werden. Mit dieser Studie sollte untersucht werden, wie Patienten generelle Gesundheitstips und speziell Hinweise für eine Gewichtskontrolle aufnähmen, je nachdem, ob sie die Ratschläge von einem übergewichtigen oder einem schlanken Arzt erhielten.

Um alle Aspekte einer guten Ausbildung junger Ärzte zu optimieren, sollte überprüft werden, ob deren persönliches Eßverhalten evtl. in Verbindung zu einem Erfolg in ihrem späteren Beruf stünde. Trotz der statistisch geringen Grundlage von 226 befragten Patienten sei es signifikant, daß die medizinischen Ratschläge, ausgesprochen von schlanken Hausärzten, von den Patienten eher angenommen würden, berichteten die Forscher.

Besonders Hinweise auf eine gesündere Ernährung ohne Hamburger, Pommes und Coca-Cola würden von schlanken Ärzten eher akzeptiert. Es liegt auf der Hand, daß ein volleibiger Arzt ein wenig glaubwürdiges Vorbild für seine ebenso volleibigen Patienten darstellt. Es ist leicht vorstellbar, daß hier die Autorität eines Ratschlags wohlleibiger Kumpelhaftigkeit von Dickerchen zu Dickerchen zum Opfer fällt.

Doch zur Überraschung der Wissenschaftler nahmen die Patienten auch Hinweise zu anderen konkreten Krankheiten oder Behandlungen weniger ernst, wenn diese von dem allzu wohl genährten Onkel Doktor gegeben wurden.

Das Ergebnis ihrer Studie wird allerdings von deren Verursacher doch ein wenig heruntergespielt, und sie möchten die dicken Onkel Doktor auf dieser Welt, die sich im Sinne ihrer Glaubwürdigkeit rigorose Diäten auferlegen oder auf Fitneß-Farmen eilen, ein wenig beschwichtigen, indem sie auf die regionale Ausrichtung der Studie auf den US-Staat Georgia hinweisen.

– Na, Gott sei Dank. Man kann sich auch kaum vorstellen, daß solche Zusammenhänge sonst irgendwo auf der Welt zutreffen, und schon gar nicht auf andere Heilberufe. Oder doch? Der volleibige Therapeut als gesundheitlicher Ratgeber – ein Non-Compliance-Problem? Soll jetzt etwa das schöne gemütliche Sprichwort nicht mehr gelten: „Der Wegweiser weist den Weg, aber er muß ihn nicht selbst gehen!“?

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/2003