EDITORIAL

... Die Masse bringt's?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ist Ihnen auch aufgefallen, daß in letzter Zeit immer wieder neue Heilpraktikerverbände auf sich aufmerksam machen? Als hätten wir nicht schon genug oder besser zuviel. Das hat es schon einmal gegeben in den Jahren der Weimarer Republik. Schon damals hat die Vielzahl und Uneinigkeit der Verbände und die spiegelbildlich gleiche Situation der Parteien dazu geführt, daß man sich nicht auf ein vernünftiges Heilpraktikergesetz einigen konnte. Nun ist Vielfältigkeit zunächst etwas sehr Lebendiges und zutiefst Demokratisches.

Das Schrifttum der zahlreichen neugegründeten Vereine weist in der Zielsetzung relativ stereotyp immer wieder auf dieselben "Gründungsgründe" hin – nämlich: es gehe ihnen lediglich um die Fortbildung, die Berufsstandserhaltung, und man wolle mit Querelen unter den großen Verbänden nichts zu tun haben. Nun hört sich das zunächst ganz plausibel an. Aber untersuchen wir mal ganz praktisch einige Fälle. Da gibt es z.B. eine über ganz Deutschland verstreute Ausbildungsstätte, die mit ständigen Annoncen die gesamte Bevölkerung einlädt, Heilpraktiker zu werden, und diesen Berufsstand mit sehr hoffnungsfrohen Worten und einem großen Erwartungshorizont belegt. Dennoch soll es vorkommen, daß oftmals von Ausbildungsinteressenten gefragt wird: "Ist denn das auch eine Verbandsschule?" Nein, zunächst nicht. Aber dem ist leicht abzuhelfen: man gründe einen eigenen Verband, man nehme die Schüler für einen ganz geringen Beitrag – Geld wird woanders verdient – in diesen Verband auf, und man hat eine Verbandsschule. Und wir haben natürlich wieder einen neuen "Verband". Auch das Motiv der persönlichen Uneinigkeit mit seinem eigenen Verband kann, wenn man sich mit ein paar Kollegen zusammentut, zur Gründung eines neuen Verbands führen. Jeder Verband kann nur einen Präsidenten haben, und so ist hier Gelegenheit – wenn man denn in seinem Verband nicht gewählt wird –, sein eigener Präsident zu werden. Eine menschlich verständliche und liebenswerte Schwäche, allerdings nicht ohne verwirrende Auswirkung auf die Verbandslandschaft eines ganzen Berufsstandes.

Diese Neugründungen haben ausdrücklich nichts gegen eine Doppelmitgliedschaft – kein Wunder, denn wo sollen die vielen Heilpraktiker sonst herkommen.

Wenn sich diese Entwicklung noch ein paar Jahre fortsetzt, werden wir mühelos die Zahl von 20000 organisierten Heilpraktikern übersteigen, während es nur 7000 Heilpraktiker gibt. Theoretisch müßte dann auch die drei- und vierfache Mitgliedschaft nicht unangenehm sein … Daß diese Entwicklung letztlich einem Punkt, den jeder Verband in seiner Zielsetzung hat, nämlich den Berufsstand zu fördern, völlig widerspricht, ist traurige Wahrheit …“

Soweit, so ungut. Dies war mein erstes Editorial in unserer NATURHEILPRAXIS, vor genau 20 Jahren für die Aprilausgabe 1983 geschrieben. Diese Aufgabe habe ich ohne Pause über 240 Monate fortgesetzt, und so ist mein erstes Editorial heute zu meinem 241sten geworden. Ich habe es mir einfach gemacht. Daß eine deutschlandweit verbreitete Ausbildungsstätte in diesen Wochen gerade wieder einen neuen "Verband" gegründet hat, nachdem der erste, vor 20 Jahren im Editorial angesprochen, abhanden gekommen war, ist nicht rein zufällig und schon gar nicht frei erfunden. Zu den "Gründungsgründen" noch Fragen?

Ach – ob ich weiter mache? Ja, natürlich, es ist mir eine Ehre – und danke schön, daß Sie mich stets angeregt und getragen haben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/2003