EDITORIAL

... hochinfektiös?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch jetzt, vier Wochen nach der ersten Warnung durch die WHO, zeichnet sich aus dem Nebel der Unwissenheit immer noch kein klares Bild der Lungenkrankheit SARS ab. Die Mortalität ist mit etwa vier Prozent genauso hoch und bedrohlich wie bei einer Grippe-Pandemie. Doch der Prozentanteil könnte auch niedriger sein, denn niemand weiß, wie viele Infizierte symptomlos bleiben oder nur ein leichtes Kratzen im Hals verspüren.

Wer zum Beispiel nicht über 38 Grad Fieber entwickelt, fällt nach den Kriterien nicht unter die Verdachtspersonen. So ist denkbar, daß es sich bei einem leichten Schnupfen ohne Fieber gar nicht um eine Erkältung, sondern um SARS handelt. Wir sehen vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Das neue Virus wird uns wahrscheinlich noch einige Jahre beschäftigen, denn man muß wohl davon ausgehen, daß das Virus hochinfektiös ist.

Das zeigen uns die Superspreader, Menschen, die eine extrem hohe Anzahl von Kontaktpersonen anstecken. Deutschland blieb bisher verschont, weil hier noch keine Superspreader aufgetaucht sind. Es käme darauf an, nationale Infektionsketten so lange wie möglich zu verhindern, was aber erst mit einem verläßlichen Test auf SARS möglich erscheint. Dieser aber kann nur dann entwickelt werden, wenn man den Erreger genau kennt – was sich nicht nur auf seine Zugehörigkeit zu den Coronaviren beschränkt.

Auf jeden Fall ist SARS nicht die erste und wird nicht die letzte Bedrohung sein. Die Gesellschaft muß sich darauf einstellen, daß im Rahmen der Globalisierung und der Mobilität weitere Erreger auftreten, und darunter sind auch schlimmere nicht auszuschließen. Insbesondere haben die Forscher Asien im Visier. Die extrem hohe Bevölkerungsdichte, das ungewöhnlich enge Zusammenleben von Mensch und Haustier sowie mangelhafte hygienische Zustände bieten beste Voraussetzungen für das Entstehen neuer Erreger und Krankheiten. Die Bildung immer neuer Varianten von Grippeviren ist das bekannteste, aber nicht das einzige Beispiel.

Ein lebhafter Tourismus und Geschäftsreisende sorgen dann für eine rasche Ausbreitung neuer Keime. So erhalten viele alte Mikroorganismen, die schon seit Urzeiten in Tieren leben und sich mit ihnen arrangiert haben, neue Optionen.

Auch in Afrika lauern etliche gefährliche Krankheitskeime und warten darauf, die Artbarriere zum Menschen endgültig zu überspringen. Darunter sind die sogenannten Affenpocken, ein Virus, das vermutlich in Nagetieren vorkommt, gelegentlich aber auf Affen und Menschen überspringt und den echten Pocken ähnliche Krankheitserscheinungen verursacht. Bislang konnte immer verhindert werden, daß Affenpockenviren sich im Menschen etablieren. Aber wie lange noch? Die Mikrobiologen können den Kampf jedoch nicht allein gewinnen. Dafür brauchen wir die Hilfe aller Menschen. Realistisch betrachtet dürften die Ansprüche zwar kaum zurückgehen, aber sie können nicht mehr so sorglos ausgelebt werden. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Das Ende der Menschheit wird immer wieder spektakulär beschworen. Aber die Chance, daß uns eines Tages ein Killer-Keim vollständig dahinrafft, ist wesentlich wahrscheinlicher als die eines großen Asteroideneinschlags.

Ich möchte mich an dieser Stelle für die vielen guten Wünsche und anerkennenden Worte zu meinem 20jährigen Chefredakteusjubiläum bedanken, ebenso wie für die ermutigenden Worte für die Zukunft.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/2003