EDITORIAL

... Mit zweierlei Maß?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die großen Erfolge der Naturheilkunde sind hinlänglich bekannt – wem sage ich das? Bis vor gut hundert Jahren gab es praktisch kaum etwas anderes, um von Krankheiten geplagte Menschen zu heilen oder ihre Leiden zu lindern.

Dennoch – wenn man manchmal die Zeitung aufschlägt oder anderen Medien lauscht, muß man den Eindruck gewinnen, als sei das ganz anders, als sei Naturheilkunde etwas Vereinzeltes und Sektiererisches, dem gegenüber allerhöchste Vorsicht und Wachsamkeit geboten sei. Die Journaille, die der "Duden" übrigens als "gewissenlos und hetzerisch arbeitende Tagespresse" apostrophiert, scheint beim Thema Naturheilkunde gern dem nämlichen gerecht zu werden. Glossen wären erlaubt, aber man wählt nicht selten den Weg der blanken Diffamierung. Oder wie anders soll man verstehen, wenn – wie neulich – eine Tageszeitung aus dem Ruhrgebiet bei der Berichterstattung über den Heilpraktikerkongreß in Essen titelt: "Scharlatane unter uns"?

Allerdings, wenn dann die Hämeschiene allzu ausgefahren ist und wahrlich den Reiz des Neuen, Sensationellen verloren hat, wenn also selbst die Häme zu langweilen droht, kommt die Chance für die Naturheilkunde. Dann aber muß man das Sensationsbedürfnis der willfährigen Leserschaft mit einem Wunder in großer Aufmachung bedienen. Selbst "seriöse" Tageszeitungen machen da keine Ausnahme.

Da las man vor einigen Wochen in der "Welt am Sonntag" – natürlich nicht unter der Kolumne "Medizin" – in großen Lettern: "Die Kobra war sein Glück". Der Vorspann machte gespannt: "Die Haut war aufgekratzt bis auf das Fleisch. Moritz litt an schwerer Neurodermitis. Das Gift einer Schlange erlöste ihn von seiner Qual."

Statt nun über die medizinischen Zusammenhänge zu schreiben, wird die Geschichte so ein wenig aus den Augen der leidgeprüften Mutter erzählt, so daß man an der medizinischen Tatsache immerhin noch leichte Zweifel haben – und wenn nicht, daß es sich dann evtl. um einen Ausnahmefall handeln könnte, den die wissenschaftliche Medizin gern unter "Spontanheilung" abhakt. Auch der sehr verdienstvolle Kollege, der die Not von Moritz so wunderbar linderte und ihn und die Eltern aus dem Teufelskreis der Verzweiflung befreite, wird, was die Allgemeingültigkeit der naturheilkundlichen Neurodermitisbehandlung mit Schlangengift angeht, in wörtlicher Rede zitiert. Man läßt ihn die Aussage treffen: "Besonders Kinder reagieren gut auf die Behandlung" und "Schlangengift hat keinerlei Nebenwirkungen".

Aber trösten wir uns: Die Geschichte hat ihre Eigendynamik. Der Junge hatte alle schulmedizinischen Behandlungen vergeblich durchlaufen – die naturheilkundliche Behandlung mit Schlangengiften hat ihm endlich geholfen. Das ist die Aussage. Solche Artikel wünschte man sich öfter, auch wenn das Ganze als Story erzählt wird.

In einem kleinen "objektiven" Kästchen darunter wird die Neurodermitis ein wenig als Krankheit erläutert. Da liest man dann u.a. "Zur Behandlung der atopischen Haut steht ein breites Spektrum wirksamer Verfahren und Medikamente zur Verfügung. Als Meilenstein … gilt unter den Experten die … Salbe …, deren Wirkstoff … das Immunsystem hemmt … Für Kinder ab zwei Jahren zugelassen ist die Salbe …" usw.

Diese Stationen hatte Moritz auf seinem Leidensweg allesamt durchlaufen. Warum nicht klipp und klar sagen, was die Naturheilkunde weiß und leistet: Schlangengift kann in unterschiedlich gelagerten Fällen bei Neurodermitis helfen. Und in Gottes Namen: erforschen könnte man es natürlich auch, warum dem so ist – meint Ihr


Naturheilpraxis 06/2003