EDITORIAL

... der rote, rote Mohn

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

als ich am Rain dieses herrlichen Mohnfeldes stand und mein Blick sich in dem berauschenden Blütenmeer verlor, fiel mir spontan der bedeutungsschwangere Satz Wallensteins ein:

"Es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo er dem Weltgeist näher ist als sonst und eine Frage frei hat an das Schicksal ...“

Die Literatur hat viele solche Schicksalsaugenblicke herbeigeführt, und sicher sind diese auch ein Grund für die Faszination der Literatur. Wir erleben diese Augenblicke wie gebannt mit und sind erschüttert. Die Literatur belegt dieses Phänomen mit dem Fachbegriff der "Kartharsis“ – der Reinigung der Seele durch Erschütterung. Und wahrhaftig sind solche Momente von einer tiefen Entspannung und Erholung geprägt, und man hat das Gefühl, "als stünde die Zeit still“.

Solche Augenblicke sind göttlich, und Stillstand der Zeit bedeutet eigentlich nichts anderes als Ewigkeit. Die göttlichen Augenblicke im Angesicht der Ewigkeit sind der Erkenntnis nahe. Nicht zuletzt mußte auch das ganze Augenmerk Mephistos in der Wette mit Faust darauf gerichtet sein, daß letzterer diese Augenblicke nie erlebt, und Faust mußte im Pakt mit dem Teufel versprechen:

"Werd’ ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön, so sei es gleich um mich geschehn.“

Und das Kongeniale im Ausgang von Goethes Faust II zeigt sich – nachdem Faust diesen Augenblick erlebt und die Wette eigentlich verloren hat – in der göttlichen Rettung, die dennoch oder gerade deshalb erfolgt. Das bedeutet doch nichts anderes, als daß man in einem solchen Erlebnisaugenblick, in dem die Zeit stillsteht – im Angesicht der Ewigkeit –, in eine neue, eine göttliche Dimension eintritt, die sich dem Machtbereich luziferischer Niederungen entzieht. Dem "Teufel“ bleibt nichts anderes übrig, als uns durch kleinliches und hektisches Hin- und Herhetzen möglichst immer in einer Situation zu halten, die uns unfähig macht für das Wesentliche oder noch besser für das Eigentliche.

Was hat das nun mit naturheilkundlicher Behandlung zu tun?

Das Eigentliche naturheilkundlicher Behandlung ist nicht nur die "Sache Krankheit“, sondern auch die Erlebnisbrücke zwischen Behandler und Patient. Vielleicht sollten wir aus Erlebnisaugenblicken recht viel mitnehmen in unseren behandlerischen Alltag, um von erfahrenem Reichtum weiterzugeben im Wissen um die heilenden und gesundenden Kräfte tiefer Erlebnisaugenblicke.
Eine Erlebnisbrücke zum hilfesuchenden Patienten braucht Raum und Zeit. Beides schuldet eine naturheilkundliche Behandlung – lege artis.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/2003