EDITORIAL

... Wahrnsinn hat Methode

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Der Grundgedanke der nun mit weit über 100 Jahren hochbetagten Dame ,Reichsversicherungsordnung‘ war das Solidaritätsprinzip. Natürlich war keine Rede davon, daß wenn einem in der Rheumawäsche das Schlüpfergummi reißt, man dieses von den Krankenkassen bezahlt bekommen sollte.

Längst sitzt uns die Angst im Nacken, daß sich der gesetzliche Krankenkassenetat bei Fortsetzung eines ,mißverstandenen Solidaritätsdenkens‘ mühelos dem Bruttosozialprodukt nähern und dieses in wirtschaftlichen Krisenzeiten ebenso mühelos übersteigen könnte.

Die Einsicht in diesen Wahnsinn ist wohl unter vernünftigen Mitbürgern bereits eingekehrt. Die Frage scheint nun zu sein: Wer wirft den ersten Stein und macht sich mit der konsequenten Aussage, daß es so nicht weitergeht, beim an das Anspruchsdenken gewöhnten Bürger unbeliebt und riskiert, die nächste Wahl zu verlieren? Am besten packt man es gleich nach der Wahl an, um eine gewisse Chance zu haben, daß es in den darauf folgenden 31/2 Jahren wieder halbwegs vergessen sein wird. Auch wenn die Bewältigung dieses Umdenkens und Umorganisierens sicher leicht ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen wird, so gibt es überhaupt keinen Grund, nicht sofort zu beginnen. Allerdings nutzt es in Zukunft nicht mehr, irgendwelche Löcher kurzfristig zu stopfen oder die Flickschustereikonzepte der Vergangenheit fortzusetzen. Es geht um eine grundsätzliche Strukturreform, die selbstverständlich neben dem Umverteilen der Kosten vor allen Dingen ein Umdenken erfordert.

Alle am Gesundheitswesen Beteiligten, die entweder Geld ausgeben, weitervermitteln und auch selbst erhalten, sind ursächlich überhaupt nicht am Sparen interessiert, weil es nicht ihr eigenes Geld ist. Man kann die an den Fleischtöpfen des gesetzlichen Gesundheitsbudgets Sitzenden, die sich selbst als die Tafelrunde der ,konzertierten Aktionen‘ empfinden – ohne jemand zu nahe treten zu wollen –, in gewisser Weise auch als Syndikat bezeichnen. Keiner der dort Beteiligten ist ursächlich am Sparen interessiert, und deshalb – und nur deshalb – kann es nicht zu wirksamen Sparmaßnahmen kommen. Weder wollen die Krankenkassen weniger Geld verwalten, noch will die Pharma-Industrie ihre Gewinnspanne herunterschrauben, noch wollen die Krankenhausbetreiber die Betten abbauen, und auch die Apotheker wollen ihre ,Apotheke‘ weiter betreiben. Kosteneinsparungen kann es nur geben, wenn man das Individuum beteiligt, das das Geld in diesen großen anonymen Topf hineintun muß. Und was auch immer an Strukturreform angestrebt wird – oder welches Minimum zum Schluß dabei herauskommt –, dieses Prinzip der Anonymität gilt es zu durchbrechen.

Die Folge dieser gesamten Entwicklung ist, daß der Bürger sein normales Gefühl für seine Gesundheit und Krankheit verliert, da er diese an sich persönlichen Bereiche durch die Entmündigung der Zwangsabzüge vollkommen den gesetzlichen Krankenkassen überträgt. Und hier liegt das eigentliche Problem. Dieses Delegieren von substantiell wichtigen individuellen Lebensbereichen, wie Gesundheit und Krankheit, an die Anonymität der ,Solidarität‘, ist selbst eine der am schlimmsten krankmachenden Ursachen unserer Zeit. Das Vertrauen in den mündigen Bürger und das Selbstverantwortungsgefühl für seinen eigenen Lebensbereich, oder zumindest seine Mitverantwortung, ist in einer sozialen Gesellschaft eine der ursächlichen Vitalfaktoren menschlicher Existenz.

Die deutschen Heilpraktiker haben mit dem mündigen, aufgeklärten Patienten seit Jahrzehnten beste Erfahrungen gemacht.“ So weit, so ungut. Dies war ein Auszug aus einem Artikel, den ich die Ehre hatte der Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU-Fraktion 1987 in ihr Jahrbuch oder besser: ins Stammbuch zu schreiben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/2003