EDITORIAL

... der Zahn der Zeit

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

zweifellos ist der "Zahn der Zeit" auch nicht spurlos an unseren Zähnen vorübergegangen. Sie haben nichts mehr zu beißen – nicht etwa als traurige und verzweifelte Begleiterscheinung einer Hungersnot, sondern als Ergebnis der technischen Spitzenleistung einer industriell denaturierten Ernährungsweise, die sicher einmal als "Fast-food-Zeitalter" in die Geschichte eingehen wird.

Wer hat heute schon noch gesunde Zähne? Kaum jemand kann noch richtig zubeißen, ohne sich festzubeißen, er kann höchstens die Zähne zeigen. Statt selbst gründlich zu kauen, werden die Bissen einfach so verschluckt.

Wir ernähren uns so lange von Softfood, bis wir selber "unheimlich softy" sind und unsere Zähne ebenso faul wie wir selbst. Und dabei wird uns vom frühen Morgen bis zum späten Abend vom Werbefernsehen etwas über angeblich gesunde Zähne "vorgekaut". Zähne sind sozusagen "in aller Munde". Der Dressman im weißen Kittel mit ebenso blendend weißem Frontalgebiß strahlt uns entgegen, mit einer Mischung aus versuchter wissenschaftlicher Seriosität, freilich gepaart mit dem unentbehrlichen, anpreisenden Verkaufslächeln, das man ob seiner gefrorenen Unnatürlichkeit nur zähneknirschend ertragen kann. Da wird auf primitivste Weise mit Farbstoffen Zahnstein spektakulär sichtbar gemacht, um auf der Basis dieser sichtbaren Angst die entsprechende – meist als medizinisch apostrophierte – Zahncreme wirkungsvoller an den Mann zu bringen, die nämlich, die auch "der Zahnarzt seiner Familie empfiehlt" – versteht sich.

Da behaupten fröhlich in das Zimmer mit den glänzenden Laminatböden hereinspringende Kinder mit unnatürlich piepsender Synchronstimme, "er hat überhaupt nicht gebohrt". Da legen gepflegte und junggroßmütterlich zufrieden dreinschauende Altmannequins ihre dritten Zähne ins Zweifachreinigungsbad und lassen es sprudeln.

In den Fernsehwerbespots werden Dinge in "Zähne gesetzt", daß der Zahn nur so wackelt. Hier geht es Zahn um Zahn um harte Marktanteile der Zahnpastaindustrie. Mit derselben verbissenen Werbeintensität versucht man, aufkeimende Wahrheiten über die Zusammenhänge von Ernährung und Gesundheit der Zähne – und des Menschen überhaupt – wegzubeißen und auf diese Weise der Bequemlichkeit sowie dem Ernährungsschlendrian der Menschen zu schmeicheln und sie in eine trügerische Sicherheit einzuwiegen. Keine Rede davon, daß Ernährung und Gesundheit ineinander "verzahnt" sind. Und um dieser Negativentwicklung in unserer Ernährungsweise einmal auf den Zahn zu fühlen und sie mit einer bissigen Bemerkung zu umreißen: Aus dem Biß ist ein Bißchen geworden.

Dabei gilt dem Zahn vom Beginn unseres Lebens an eine besondere Aufmerksamkeit, die selbst Verseschreibern nicht entgangen ist und die sich rührend in der Zeile niederschlägt: "Hurra, hurra, der erste weiße Zahn ist da!" Welche rührenden Szenen sich abspielen, wenn die Tanten sich über das Körbchen beugen und mit imitierter Kindersprache das kleine Wesen zu animieren versuchen: "Wo sind sie denn, die kleinen Beißerchen?" Später wird den Leuten auf dem Nerv herumgebohrt, eventuell wird er abgetötet, und manche Menschen haben viele viele Jahre tote Zähne im Mund. Und hier schließt sich der Kreis zu unserer avitalen Ernährung: Totes beißt Totes. "Morgenstund hat Gold im Mund" – der Kassenpatient hat Amalgam. Dennoch: die Einsichten wachsen, und wir wollen uns nicht allzu verbissen verbeißen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/2003