EDITORIAL

... Top ten

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wer nicht zu den „Top ten“ gehört, kann sich gleich vergessen, zumindest wird er in den Medien keinerlei Beachtung finden. Das ist nicht nur in den Schlagerparaden so – oder wie es neudeutsch heißt: in den „Charts“ –, auch wissenschaftliche Forschungsergebnisse werden von anderen getoppt, die dann zu den Top ten gehören und Medienbeachtung finden.

So sind erste Bilder aus den Kindertagen des Universums nach Expertenmeinung die größte wissenschaftliche Errungenschaft des Jahres 2003. „Die Satelliten-Bilder bringen plötzlich Licht in das mysteriöse Dunkel des Alls“, jubelt das renommierte US-Fachjournal „Science“ das Ereignis hoch und bezeichnet die fotografische Ausbeute der WMAP-Sonde als „Durchbruch des Jahres“. Die Astronomen konnten damit das Alter des Universums mit einer Unsicherheit von nur einem Prozent auf exakt 13,7 Milliarden Jahre bestimmen. So alt sind wir.

„Alle Fragen der vergangenen Jahrzehnte zum Alter des Universums, seiner Ausdehnung, Beschaffenheit und Dichte sind mit einem Schlag beantwortet“, so „Science“. Die Mikrowellen (CMB) seien das älteste Licht im Universum, und es stamme noch von jenen Strahlen, die der gerade geborene Kosmos als glühender Plasma-Ball abwarf. Dieses schwache Mikrowellen-Glühen umgibt uns wie ein weit entfernter Feuerwall. Und die Einkerbungen auf dem Wall – winzige Schwankungen in der Temperatur und anderen Eigenschaften des Lichts – verraten uns, woraus der Weltraum gemacht ist. Demnach stehe jetzt fest, daß das Universum nur zu vier Prozent aus „normaler“ Materie besteht. Weitere 23 Prozent entfielen auf unerforschte Partikel, sogenannte „dunkle Materie“, und der Rest sei „dunkle Energie“.

Die Nummer zwei auf der „Science“-Liste der Top-ten-Erkenntnisse des Jahres 2003 geht an die Genforschung. Sie identifizierte mehrere Gene, die das Risiko für Geisteskrankheiten und -störungen wie Schizophrenie, Depression und manisch-depressives Verhalten erhöhen.

Nicht zu den Top ten gehört die Nachricht, daß vor etwa 23 Millionen Jahren etwas gewaltig ins Auge gegangen ist: da hat nämlich die Evolution unseren Urururahnen ein drittes Pigment in die Netzhaut gesteckt. Höher entwickelte Primaten wie wir können seitdem farbig sehen. Die gelbe Banane im grünen Blätterwald erblickt der Affe in uns deshalb sofort. Und wenn mal wieder etwas zu kunterbunt wird, können wir seitdem erblicken, daß unser Teint vor Ärger ins Dunkelrote geht.

Allerdings hat uns das bessere Augenlicht, das haben Biologen vom Max-Planck-Institut in Leipzig jetzt herausgefunden, einen Teil des Geruchssinns gekostet.

Die Hälfte all jener Gene, die niedriger entwickelten Affen zum feinen Riechen, guten Schnüffeln und Schnuppern verhelfen, sind bei uns im Laufe der Jahrtausende ausgeschaltet worden. Nur jeden dritten Geruchsrezeptor nutzen wir noch, wenn wir die Nase ins Weinglas oder Parfümfläschchen halten. Also machen wir uns nichts vor: Jede Maus riecht besser, weil bei ihr über 80 Prozent der Geruchsgene funktionieren. Sehen wir der erforschten Wahrheit dreifarbig ins Auge: Erst wenn es uns schon dreimal zu bunt geworden ist, stinkt es uns langsam – jedenfalls nach Adam Riese.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 03/2004