EDITORIAL

... hochkomplex

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

streitbare Meinungsunterschiede unter verschiedenen Personen oder Persönlichkeiten sind lebensidentische Phänomene und sollten allein aus dieser Erkenntnis heraus sich aller fanatischer Verbissenheit begeben. Übergeordnete Prinzipien und Wahrheiten sollten die Situation in den Niederungen menschlicher Grabenkämpfe um die richtige oder falsche Meinung ein wenig entspannen und augenzwinkernd vielleicht ein noch differenzierteres Ergebnis des Disputs erbringen.

Vielleicht kann man sich ja darauf verständigen, daß in der genialen Entdeckung Hahnemanns, der Homöopathie, der Keim auch zur Komplexhomöopathie bereits angelegt war. Kaum einer wird ernsthaft bestreiten wollen, daß die Verordnung der Mittel des homöopathischen Herstellungsverfahrens – in den tieferen Potenzen – nicht nur rein personotropen, sondern auch rationalen „organistischen“ oder funktionalen Grundsätzen folgt.

Der Erfahrungsschatz der Therapeuten im erfolgreichen Umgang mit diesen Mitteln hat deutlich werden lassen, daß wohl in den tieferen Potenzen die Begegnung des Stoffes mit der Energetisierung ein auch noch vom Stoff her bestimmtes Wirkbild ergibt, in dem das Individual-Personotrope nicht die wichtigste und schon gar nicht alleinige Rolle zu spielen scheint. Der durchschlagende Erfolg von sinnvollen Kombinationen war es doch, der diese Komplexhomöopathie in ihrer Entwicklung vorantrieb, und es gibt wohl kaum eine andere arzneiliche Therapie, die in den letzten hundert Jahren eine solche beispiellose Erfolgsstory geschrieben hat – außer der Homöopathie selbst, wenn man denn den Unterschied noch einmal explizit herausstellen will.

Der Erfolg einer ganzen Arzneitherapie, nämlich der Komplexhomöopathie, ist es auch, der ihre unterschiedlichen Ansätze vereint. Ob eine Kombination rational-indikativen Kautelen folgt, ob die homöopathischen Komplexe konstitutionellen Erwägungen folgen und in ausdifferenzierte Konstitutionsschemata eingebaut sind, gekoppelt z.B. mit irisdiagnostischen Erkenntnissen, oder ob sie regulatorische entgiftende Prozesse zu einer verbesserten Gesamtregulation fördern wollen – gemeinsam ist den Komplexhomöopathika, daß sie in der Hand eines kundigen Behandlers seit vielen Jahrzehnten segensreich für den hilfesuchenden Patienten wirken. Nicht zuletzt deshalb ist der Löwenanteil der arzneilichen Rezeptur einer Naturheilpraxis die Komplexhomöopathie. Das ist ein starkes Argument – auch gegen Bevormundungen, gegen „den Übermut der Ämter“, den schon Shakespeares Hamlet beklagt, wenn man z.B. jetzt an Dosierungsvorschriften denkt, die jede jahrzehntelang gemachte Erfahrung zu negieren scheinen.

Manchmal habe ich das Gefühl, daß auch wir uns dieser mächtigen Erfolgsstory der Komplexhomöopathie noch nicht genügend bewußt sind. Es ist nicht so wichtig, ob man in erster Linie konstitutionell, rational-indikativ oder regulationsmedizinisch orientiert ist, oder ob man „nur“ eine Spezifität einsetzt – auch diese sind überwiegend Komplexhomöopathika. Wichtig ist: man nutzt den tiefgreifenden und wirkungsvollen Ansatz der Komplexhomöopathika, mit dem unsere Naturheilpraxen schon so lange erfolgreich therapieren. Wir sollten den Bewußtwerdungsprozeß über die Komplexhomöopathie fördern und vorantreiben, das macht die Therapierichtung stärker und stärkt auch uns gemeinsam. Was für das Ganze gut ist, kann auch für den einzelnen nicht schlecht sein.

So haben wir den Schwerpunkt „Komplexhomöopathie“ gewählt. Er erhebt freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit des komplexhomöopathischen Spektrums. Viele weitere engagierte Hersteller bieten uns vorzügliche Mittel für die tägliche Praxis.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/2004