EDITORIAL

... die reine Lehre?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Kampf der „Schule“ gegen die Homöopathie ist so alt wie die Homöopathie selbst, und dieser Kampf hat unterschiedliche Stadien durchlaufen – von der zähneknirschenden Duldung bis zum offenen feindseligen Vernichtungskampf mit dem Ziel eines „Endsieges“. Dennoch hat sich die Homöopathie behauptet. Ihre Vertreter postulieren zu Recht, daß die Homöopathie nicht etwa eine Medizin von gestern sei, sondern die Medizin von morgen sein wird. Und während hier in Deutschland eine Diskussion zwischen unwissenden Ablehnern und euphorischen Anhängern in ständig neuen Varianten in Gang gehalten wird und keine Versachlichung des Dialogs möglich scheint, ist es vielleicht ganz nützlich, einmal ins Ausland zu blicken. Getreu dem alten Sprichwort, der Prophet tauge im eigenen Lande nicht, soll es z.B. in Indien 160000 Homöopathen geben, die sich größter Beliebtheit und Anerkennung erfreuen. In Brasilien, so kann man erstaunt lesen, sind in den letzten zwanzig Jahren 85000 homöopathische Ärzte ausgebildet und – man höre und staune – den Fachärzten gleichgestellt worden.

Ganz anders in Deutschland. Hier wird eine Breitseite nach der anderen gegen die Homöopathie abgeschossen. „Schamanenmedizin“ nennt der Kölner Kardiologe Erland Erdmann die Homöopathie und ist in seiner Ausdrucksweise noch milde, wenn auch an herablassender Überheblichkeit nicht zu überbieten, wenn er kategorisch feststellt: „Es ist ausgeschlossen, daß sie ein wirksames Phänomen ist. Menschen haben auch von Weihwasser Heilung erfahren.“ Dann wird er aber deutlicher, wenn er dagegen protestiert, daß auf Kassenkosten zerriebene Steine, Krankheitserreger „getrocknete Krötenhaut oder anus bovi, das Arschloch der Kuh“ verschrieben werden. Und er erregt sich noch weiter, daß es nicht sein könne, daß „derart primitivkultische Handlungen in ein Gesetz eingehen und durch die Allgemeinheit finanziert werden“.

Die aktuellste Bugwelle, die die Homöopathie durchschneiden muß, ist sicher die „Gesundheitsreform“ der Ulla Schmidt, mit dem Herausfallen aller nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel aus der Kassenerstattung, womit man die Homöopathie, ohne sie ausdrücklich oder gar feindlich markieren zu müssen, gleich mit „erledigt“ hat. Und weil wir in einer Stimmungsdemokratie leben und die Politiker den Zorn der Wähler fürchten, darf Homöopathie in begründeten Ausnahmefällen doch noch ein bißchen verschrieben werden. – Wasch mich, aber mach mich nicht naß!

Daß die Politikerin handelte wie Politiker eben handeln, hat allerdings die Schulmedizin, die der reinen Wissenschaft folgt, der politisches Handeln fremd ist und die glaubte, daß der Spuk mit der Homöopathie ein für allemal vorbei ist, erst so richtig erbost. Sie wirft der Ministerin vor, nicht den Mut gehabt zu haben, „die nötige Aufräumarbeit im Gerümpel der besonderen Therapierichtungen“ in Angriff zu nehmen und die Homöopathie aus dem Sozialgesetzbuch zu werfen.

Der Bürger soll wohl glauben, es gehe hier um ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzungen?
Mitnichten! Was sagt der Maler Conti in Lessings „Emilia Galotti“, als der Prinz ihn fragt, wie es der Kunst ginge? Conti bringt es knapp und bündig auf den Punkt: „Die Kunst geht nach Brot, Prinz.“ Natürlich geht es bei dem Kampf gegen die Homöopathie – um es einmal ganz salopp zu sagen – um die „Kohle“. Im Vorgriff auf die erhoffte und sich abzeichnende Nichterstattung homöopathischer Arzneien hatten Ärztefunktionäre im vergangenen Jahr die Homöopathieausbildung für Ärzte bereits um zwei Drittel zusammengestrichen. Wird nicht mehr erstattet, braucht man die Methode auch nicht mehr zu lernen, ist doch klar! Und warum wurde es vorher mehr gelehrt? Wegen der Unabhängigkeit der reinen Lehre? Nein – es wurde erstattet. Die Leute verlangten Homöopathie. Man konnte Geld damit verdienen. Irgendwas unklar?

Durchaus nicht, meint Ihr


Naturheilpraxis 05/2004