EDITORIAL

... völlig immun?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Kunst des Auswählens, was für uns und unsere Entwicklung nötig und nützlich sein kann – und was schädlich –, ist zweifellos eine der Grundvoraussetzungen für den Fortbestand alles Lebendigen, das durch Lernprozesse zur Anpassung an wechselnde Umstände erhalten wird. In den natürlichen Zusammenhängen des Lebens auf dieser Welt wird diese Fähigkeit erworben.

Es ist allerdings kein Geheimnis, daß heutzutage sowohl unsere Abwehrsysteme wie auch unsere geistig-seelische Situation auf vielfältige Weise störanfällig geworden sind. Wir sehen uns einem bedrohlichen Anstieg der Allergien gegenüber – also einem Überschießen unserer Abwehrreaktion. Andererseits gibt es viele Menschen, deren Abwehr total daniederliegt.

Der Naturheilkundler wundert sich nicht: Ist doch der Mensch ein Ganzes und will in seiner geistig-seelisch-körperlichen Trinität und in der Integrität seiner Persönlichkeit gesehen werden – zudem, abseits jedes summarischen Geschehens, als Individuum.

Andererseits heißt das aber nicht, daß er einzig und allein losgelöst von den Gesamtzusammenhängen begriffen werden kann. Und hier liegt, glaube ich, eines der Grundprobleme unserer entgleisten Immunität und Identität. Wir haben uns außerhalb gestellt – „objektiviert“ –, wie es aus einem verheerenden wissenschaftlichen Mißverständnis heraus genannt wird. Wir empfinden uns nicht mehr als – unverwechselbaren zwar, aber – integrierten Teil des Ganzen. Das Gefühl des Integriertseins in die natürlichen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge würde uns viel eher ein gesundes Empfinden verleihen für das, was wir eigentlich sind und was für uns gut oder nicht gut ist. Dieses Phänomen aber wäre ja gerade die von einer gesunden Immunität zu erwartende Leistung. Statt dessen haben wir die Welt in „Ich“ und „Außer-Ich“ eingeteilt, können unser eigenes Ich nur anhand des Gegenübers definieren, was ein Widerspruch zu dem Begriff „Selbstbewußtsein“ ist, welches wir wiederum nicht genug aus uns selbst heraus speisen. Durch die Orientierung am Gegenüber und die dadurch entstehende Abhängigkeit ist unser Selbstbewußtsein äußerst fragil geworden. Das Ergebnis davon zeigt sich oft in einem ständigen Rechtfertigungsbedürfnis als Folge einer Überempfindlichkeit – sprich Allergie – gegenüber allem, was uns begegnet.

Wen nimmt es wunder, daß konsequenterweise parallel zur geistig-seelischen Allergisierung und einer mangelnden psychischen Immunität und Integrität eine Entgleisung auch der körperlichen Immunvorgänge einhergeht?

Es ist schwer vorstellbar, daß die Natur jemals lockerlassen wird, uns daran zu gemahnen, daß wir Teil von ihr sind.

Hier wie überall tut naturheilkundliche Rückbesinnung not. Eine Therapie der biologischen Identität, die ihre Lehren aus den Gesamtzusammenhängen zieht, würde uns einmal gesünder und natürlicher als Teil des Ganzen leben lassen und uns selbst auch eine etwas höhere Stufe von Synergie bescheren, so daß unsere Bedürfnisse als Menschen wieder ein wenig mehr dem Ganzen dienen würden, dessen unverwechselbarer Teil wir doch sind.

Nicht ohne Grund erinnern wir wieder einmal an die „Alten Verfahren“. Sie dürfen nicht vergessen werden, sondern müssen immer wieder aktiviert und mit neuer Erfahrung weiterentwickelt werden.

Und noch eine Bitte: Nehmen Sie aktiv und zahlreich an der Umfrage zur Dosierungsfrage der Komplexhomöopathie teil. Es geht um ein Stück Therapiefreiheit und Therapieerhaltung.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/2004