EDITORIAL

... Mythos?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es besteht kein Zweifel: Der große Schlachtruf der Rationalität, der einmal durch seine inhaltliche Indifferenz wie durch seine fast ziellose, aber nichtsdestoweniger fordernde Vehemenz sich selbst rational fast nicht erklären läßt, ist der Ruf nach Entmythologisierung.

Die Devise, die entzaubern sollte, ist unversehens selbst zur Zauberformel geworden. Nun ist der Rationalismus keine Erfindung der Renaissance und Aufklärung allein, sondern des abendländischen Denkens überhaupt. Man hat es mit dem Ergebnis einer zweitausendjährigen Entwicklung zu tun. Die sich abzeichnende Abkehr der Menschen von einer übertechnisierten Welt, die in ihrer Perfektion auch schon wieder fast unbegreiflich oder mißverständlich fast mythisch erscheint, bringt eine problematische Entwicklung: Neue Ängste in unserer technischen Welt, Furcht vor der Zukunft, Gefühlsdefizite, Isoliertheit, Sinnentleerung bis zur Depression sind die Leidensstationen auf dem Kreuzweg der Suche nach einem Mythos – nach welchem auch immer – leider.

Warum, so fragt man sich, hat eigentlich der Rationalismus so erbittert und letztendlich betriebsblind gegen Mythen angekämpft? Wenn man dieses Phänomen einmal genau bedenkt, so handelt es sich um ein in Jahrhunderten sich aufschwingendes Mißverständnis von geradezu tragischer Dimension. Die Euphorie, die die Aufklärung über die annähernd grenzenlosen Möglichkeiten der Rationalität mit sich brachte, produzierte eine nahezu als naiv zu bezeichnende Vorstellung vom ebenso grenzenlosen Geltungsbereich der Wissenschaft. Diese wiederum mußte in ihrer unfreiwilligen Überheblichkeit und ihrem wachsenden Allmachtsanspruch einem völlig falschen Verständnis des Begriffs Mythos Vorschub leisten. Sie bastelte sich den Mythos zu einer Strohpuppe, deren schwankendes Bild nichts als eine lose Kette naiver Naturerklärungen oder irrationaler Wirklichkeitsvorstellungen zeigte, die es im Feuer einer scharfen Ratio zu verbrennen galt. Aufgrund dieses Mißverständnisses z.B. hat sich die Philosophie in ihrer Analyse angemaßt, aus lediglich historischem und theologischem Material die erkenntnistheoretische Frage nach der Wahrheit des Glaubens zu beantworten. Diese Antwort mußte negativ ausfallen. Es ist freilich etwas ganz anderes, von der Gnade des Glaubens erfüllt zu sein. Deshalb muß auch der Mythos aus dem Mißverständnis und seiner negativen Begriffseinengung herausgeschält werden: Mythos nicht als Schlagwort für alles Irrationale und Wirklichkeitsfremde, sondern als ein sinnvolles System tiefer Erfahrungen, das sich von Beginn der Menschheitsgeschichte an entwickelt und fortgepflanzt hat – allerdings von der Sicht der heute geltenden Wissenschaft grundlegend verschieden, aber dennoch von einer tiefen Sinnhaftigkeit.

Toleranz und Wissenschaftspluralismus wären der Nährboden, auf dem beides nebeneinander gedeihen und sich eventuell sogar befruchten könnte. Das Sachanliegen einer rechtverstandenen Entmythologisierung wäre eigentlich am Mythos selbst zu entdecken, welchen Ertrag er für die Rationalität erbringen könnte. Wichtiger nämlich wäre es – statt unsere Lebensinhalte einer mißverstandenen Entmythologisierung zu unterziehen –, endlich die ins Herrschen verstiegene Wissenschaftsgläubigkeit zu entmythologisieren.

Die Naturheilkunde weiß, daß es ohne den Mythos in der Heilkunst nicht geht – allerdings den richtig verstandenen Mythos – nicht den der Irrationalität. Es ist der Mythos eines von Anbeginn der Menschheit ererbten, sinnvollen Erfahrungsgutes, das seinen Sitz im Unterbewußtsein hat und unser Bewußtsein – unsere Bewußtwerdung – sinnvoll steuert.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/2004