EDITORIAL

... Strukturen zerschlagen?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Alte Strukturen zerschlagen!“ – In unübersichtlichen oder scheinbar ausweglosen Situationen ist dies ein gern gehörter Schlachtruf. Ein Schlachtruf, der berauscht, der blindwütiger Besinnungslosigkeit Vorschub leistet, einer auch, der im Taumel des Zerschlagens Gegenwart schafft und konsequent die Frage nach der Zukunft ausklammert: Was dann?

Wiewohl die intellektuell planerische Zukunftsgestaltung, basierend auf dem Glaubensbekenntnis zur Statistik, übermächtig und unanfechtbar zu sein scheint, gewinnt doch gleichzeitig auch etwas so rational Unwägbares wie die Stimmung im gleichen Maße an Bedeutung. Auch die, die uns regieren, deren politisches Handeln wir als Ergebnis rationaler Einschätzung und den daraus folgenden Konsequenzen erwarten dürfen, sind nichtsdestotrotz – vielleicht sogar noch um so mehr – dem Phänomen Stimmung ausgesetzt. Schließlich müssen sie von denen, bei denen eine Stimmung herrscht, gewählt werden, um politisch handeln zu können.

Keine Frage: Wir leben in einer Stimmungsdemokratie. Die Gegensätze zwischen dem scheinbar Rationalen und dem anscheinend unberechenbar Irrationalen sind heute größer denn je. Was dabei auf der Strecke bleibt: das Wichtigste – der gesunde Menschenverstand.

Und dieses Phänomen wiederum hat viel mit dem Verlust von Strukturen zu tun, die gewachsen waren, die sich herausgebildet hatten, in denen der Mensch sich als soziales Wesen organisieren konnte.

Nach dem religiösen Weltbild, dessen Untergang und Umbruch zum Rationalismus durch Scheiterhaufen markiert war, etablierte sich mit Macht das mechanistische Weltbild, das unsere Welt als riesige Maschine begriff. Wiewohl dieser Sieg über Vorurteile und Vorbehalte glänzend ausfiel und eine atemberaubende technische Entwicklung einleitete, hat auch dieses mechanistische Weltbild inzwischen zu einer breiten Selbstverständlichkeit gefunden und verteidigt seinen Machtanspruch mit eben der Vehemenz, die ihm selbst in seinen Geburtswehen von seiten des religiösen Weltbildes so sehr zu schaffen gemacht hatte.

Seit nunmehr hundert Jahren ist eine heftige Diskussion entbrannt, die an der Tatsache, daß die Welt eine riesige Maschine sei, zunächst Zweifel und inzwischen – dies darf man wohl sagen – Gewißheit erbracht hat, daß dem nicht so ist. Dennoch hat dieses quantifizierende, mechanistische Weltbild mit seinen Wissenschaftskriterien des Messens und Wiegens, das den Blick stur auf die Materie richtet, die Menschheit voll im Griff. Relativ unbeirrt glaubt man an die technische Machbarkeit. Ereignisse wie Tschernobyl scheinen nur relativ kurzfristige Irritationen auszulösen, aber keine grundsätzliche Unsicherheit, die Zweifel an der Richtigkeit der Ideologie des Machbaren aufkommen läßt.

Beim Wechsel des Wissenschaftsbildes sind gewachsene Strukturen mit ins Rutschen gekommen. Man hat zu sehr auf die Materie und die Machbarkeit geschaut und weniger auf die Struktur. Aus dem wertfreien objektiven Blickwinkel sind aber lebendige Prozesse letztendlich nicht zu erklären. Die lebendige Wahrheit ist ein vielgestaltiges, ständig sich veränderndes Phänomen, über dessen Inhalt anscheinend nicht objektiv Auskunft gegeben werden kann, weil jeder Beobachter subjektiv in den zu beobachtenden lebendigen Prozeß integriert ist.

Die Naturheilkunde weiß, wovon die Rede ist, und bezieht das subjektive Element z.B. der Interaktion von Behandler und Patient in ihr Denkmodell und ihr „lege artis“-Vorgehen mit ein.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/2004