EDITORIAL

... Seelische Strukturreform!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ich muß noch einmal auf die Strukturen zurückkommen, deren blindwütige Zerschlagung bei Revolutionen und Umbrüchen auch und vor allen Dingen von Weltbildern und Denkmodellen am Beginn stehen. Unseren Alltag, muß man den Eindruck haben, hat das materielle Weltbild voll im Griff. Die Wissenschaftsdiskussion allerdings hat die Ebene der Materie längst verlassen, auch die Energie an sich steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern die Steuerung von Energie und prozessuale Strukturvorgänge in Form von Information. Der Blick wird nicht mehr nur auf das Element gerichtet, sondern gleichwertig auf dessen Struktur. Die Elektronenmikroskopie hat uns atemberaubende Bilder der Strukturen kleinster Elemente geschenkt, die wir als identische Strukturen auch im Makrokosmos wiederfinden. Wer vermag einen Ausschnitt eines elektronenmikroskopischen Fotos der Dünndarmzotten vom Ausschnitt eines Luftbildes des Grand Canyon zu unterscheiden? Wir dürfen als Menschen nicht den Fehler machen, diese Erscheinung als eine lediglich interessante Spielerei oder einen merkwürdigen Zufall abzutun, sondern wir sollten erkennen, daß die wiederkehrenden Strukturen im Großen und im Kleinsten Ausdruck der Einheit und Zusammengehörigkeit aller Phänomene des gesamten Organismus Kosmos sind.

Auch wir Menschen – so zwischen Makro- und Mikrokosmos – wie uns schon die alten Chinesen gesehen haben – müssen uns um Strukturen bemühen, die es uns ermöglichen, uns als ein Teil des Ganzen zu empfinden. Die objektive Sicht der Dinge, die das mechanistische Weltbild postuliert, hat uns ein wenig außerhalb gestellt. Wir müssen uns erneut integrieren. Das mechanistische Weltbild hat unsere Intellektualität und unsere Abstraktionsfähigkeit – vielleicht auch unsere Neigung dazu – übermäßig vorangetrieben, wobei unsere Empfindungswelt zunehmend verarmt ist. Wie aber soll das auf die Dauer gehen? Psychoanalyse statt Religion? Organisation statt Ethik? Wir müssen aus der Isolation unseres, wie es Allen Watts nennt, „hautverkapselten Ichs“ heraustreten. Wir müssen aufhören die Welt in „ich“ und „nicht ich“ einzuteilen. Wir müssen uns als Teil der Gemeinschaft empfinden, und unser Handeln muß wieder mehr aus dieser Empfindung bestimmt sein. Ethisches Handeln muß wieder Ausfluß dieses überwältigenden Gemeinschaftsgefühls sein und nicht etwa nur einer Einsicht in gewisse Notwendigkeiten entspringen. Ethisches Handeln muß selbstverständlich sein und nicht pure Anstrengung. Wir müssen uns viel mehr von der Materie und der Machbarkeit abwenden und auch in der menschlichen Gesellschaft Strukturen gewinnen, die uns als Teil des Ganzen – so zwischen Darmzotte und Grand Canyon – erkennbar machen. Die Welt und der Kosmos haben diese Strukturen vom Schöpfungsakt an in Jahrmilliarden ausgeprägt. Sie sind Ausdruck des Lebendigen, sonst gäbe es sie nicht. Und wenn wir Menschen uns in unseren Strukturen darin nicht wieder finden, wird die Natur uns auf die Dauer aus dem Kreislauf des Lebendigen ausscheiden. Wie überall, so auch im seelischen Bereich, brauchen wir die „Strukturreform“.

Wir Naturheilkundige sind als Ansprechpartner für Hilfesuchende auch mitverantwortlicher Katalysator für positive Entwicklungen in die Zukunft, die zu mehr Harmonie und Synergie mit der Natur führen müssen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/2004