EDITORIAL

Fragen Sie ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Wer kennt diese Schnellsprechübung nicht, die als vom Gesetzgeber auferlegtes Anhängsel alle noch so schönen, salbungsvollen und sympathiewerbenden Bemühungen um ein freiverkäufliches Arzneimittel jäh und abrupt beendet. Warum, so fragt man sich, wird dieser Satz so heruntergehudelt? Die Antwort ist einfach: Time is money. Die Werbezeit in den Medien – meist 30 Sekunden für einen Spot – ist teuer, und würde man von der im wahrsten Sinne des Wortes kostbaren Zeit auch diesen Warnhinweis, der ja keinerlei Information zu dem beworbenen Arzneimittel enthält, salbungsvoll ausbetonen, ginge die Zeit der eigentlichen Werbung verloren.

Mancher hat sich schon gefragt, warum in diesem Zusammenhang der Hinweis auf den Heilpraktiker fehlt. Hieße der Satz: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt, Heilpraktiker oder Apotheker“, die Schnellsprechübung geriete wahrlich zum Zungenbrecher, oder es bestünde die Gefahr, daß die Stoppuhr des Senders glatt den Apotheker abschneidet, und das will man ja auch nicht.

Nein, Spaß beiseite – warum hier der Heilpraktiker ungenannt bleibt, liegt in der Rechtslage begründet. Wenn der Staat auf seinem Hoheitsgebiet ein Arzneimittel für verkehrsfähig erklärt, übernimmt er damit eine gewisse Grundverantwortung, und um sich da haftungsrechtlich abzusichern, verweist er in der Öffentlichkeit auf die zwei Berufsgruppen, die offiziell vom ihm für die Gesundheit der Bürger beauftragt sind: der Arzt unmittelbar und der Apotheker für die Arzneimittel. So zieht der Staat gewissermaßen den Kopf aus der Schlinge, wenn bei der Selbstmedikation mal etwas passiert. Hat der Bürger nicht gefragt, ist es seine Schuld, und hat er gefragt, muß dann im Einzelfall geklärt werden, warum dennoch etwas passiert ist.

Nun könnte der Heilpraktiker ohne weiteres auch diesbezüglich Fragen beantworten, aber er handelt eben nicht im Auftrag des Staates, sondern eigenverantwortlich. Das ist der Grund, warum er in diesem staatlich verordneten Warnhinweis fehlt. Bei Arzneimitteln und den Risiko- und Nebenwirkungsfragen muß man sich auch nicht in diesen Hinweis hineindrängeln.

Neuerdings liest man aber auch Hinweise auf den Arzt im Bereich der zu den Lebensmitteln gehörenden Nahrungsergänzungsmitteln und Diätetika – und man wundert sich. Haben hier die Hersteller etwa im vorauseilenden Gehorsam sich das Mäntelchen des Offiziellen oder gar Medizinischen umgehängt, obwohl es sich ja um Lebensmittel handelt? – Mitnichten. Auch hier handelt es sich um einen staatlich vorgeschriebenen Warnhinweis, zumindest wenn es um die sog. „Bilanzierte Diät“ geht oder, wie es genauer heißt, um „Diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke“. In der Diätverordnung heißt es in §21(2): „Bilanzierte Diäten dürfen nur in Verkehr gebracht werden, wenn sie folgende Angaben … haben“, und unter 7. heißt es: „… den Hinweis, daß das Lebensmittel unter ärztlicher Aufsicht verwendet werden muß.“ Den Herstellern bleibt also gar nichts anderes übrig, als diesen Hinweis aufzunehmen. Unbenommen bleibt es dem Heilpraktiker, seine Patienten im Sinne der sehr wichtigen behandlergestützten Selbstmedikation, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, differenziert zu beraten.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/2004