EDITORIAL

Einsam oder allein?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Einsamkeit ist eines der großen Themen der Zukunft. Immer mehr Menschen fühlen sich allein gelassen, nicht nur in Deutschland, sondern überall dort, wo sich Menschen selbst verwirklichen, emanzipieren und frei leben. Im Jahr 2000 lebten in Deutschland über 13 Millionen Menschen allein. Tendenz steigend. Ganz zu schweigen von den Millionen, die in Ehe und Beziehung geborgen sein sollten und sich einsamer fühlen denn je, wie der Chicagoer Einsamkeitsforscher Cacioppo herausfand.

Die Wissenschaft ist sich einig: Einsame Menschen sterben früher, sie werden schneller krank, schlafen schlechter und fühlen sich schlecht. Dutzendweise haben Therapeuten aller Couleur die Gefährlichkeit der Einsamkeit bestätigt. Auswege aus der Einsamkeit sind selten.

Konzepte wie das einer Alten-WG sind wegweisend. Der Erfolg von Volkswirtschaften wird nicht zuletzt davon abhängen, wie sie familiäre Zerrüttung und ihre Folgen für die Kosten im Gesundheitswesen abmildern. Dabei geht es nicht nur darum, Menschen aus ihrer Einsamkeit zu reißen, sondern auch darum zu verdeutlichen, daß Einsamkeit ein Zustand ist, der zum Leben dazugehört.
Die Tabuisierung von Einsamkeit hat mit ihrem schlechten Ruf zu tun. Einsame Menschen fühlen sich als Verlierer. In einer Welt, in der Freunde und Zuneigung auch Statussymbol geworden sind, ist der Einsame der Außenseiter.

Die meisten schämen sich zu sehr, als daß sie mit jemandem, den sie kennen, über ihre Einsamkeit redeten, weiß die Telefonseelsorge. Über zwei Millionen Anrufe bekommt sie pro Jahr. Viele davon sind Menschen, die einfach jemanden zum Reden brauchen: Ältere, deren Leben sich nur noch auf 45 Quadratmetern abspielt, Männer, die weinen, weil sie nach einer Trennung ihre Kinder nicht sehen dürfen. Sie fühlen sich von aller Welt verlassen.

Daß vor allem Ältere so fühlen, ist wohl ein veraltetes Klischee. Immer mehr jüngere Menschen klagen in den letzten Jahren über Einsamkeit, weil sie es schlicht nicht gelernt haben, allein – aber nicht einsam zu sein.
Man spricht von bedenklichen „Defiziten in sozialen Fertigkeiten“. In der Erziehung fehlt häufig eine Vermittlung von Werten, die über Konsumverhalten hinausgeht.

Die Gründe dafür liegen in zweierlei Extremen: einerseits bei Eltern, die den Kindern jede Entscheidung abnehmen und zu sehr vor notwendigen Erfahrungen schützen. Und bei Eltern, die ihren Kindern nicht das Gefühl geben, geliebt zu werden.
Anstatt in der Schule Freunde als Kompensation für die mangelnde Zuwendung zu Hause zu suchen, ziehen sie sich oft in sich selbst zurück.

Forscher erklären sich dies vor allem aus zwei Gründen heraus: wegen der Reizabschirmung in der Isolation sowie der völligen Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will – ohne Fremdbestimmung. In der Isolation wird das Innenleben reicher und differenzierter.

Für das Problem der Einsamkeit heißt dies konkret: Das gewollte Fehlen von Sozialkontakt kann kurz- bis mittelfristig als Zeit zur Selbstfindung genutzt werden. Die Freiheit von anderen ist die Chance auf Arbeit an sich. Das Problem ist, daß viele Einsame nicht bewußt einsam genießen, sondern sich als Opfer stilisieren, die Einsamkeit erleiden.
Hier Linderung zu schaffen ist ein wichtiges Feld für den einfühlsamen Therapeuten.

Ihr


Naturheilpraxis 02/2005