EDITORIAL

Voralpenföhn

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Seit „Watergate“ irren die Macher politischer Magazine mit hängender Zunge durch die Republik auf der Suche nach einem ähnlich bedeutungsschwangeren Sujet für ihren „Enthüllungsjournalismus“, das ihre Unentbehrlichkeit zur Trockenlegung unseres politischen Sumpfs dokumentiert und ihre Wichtigkeit. Bis dahin müssen sie sich mit Wichtigtuerei begnügen und mit kleineren Fällen, die sie auf ihrem löchrigen Recherche-Rost aufpoppen wie Popcorn. Die Hauptsache ist bei jedem kleinen Maiskorn der Knall. Wer unterzieht schon jedes einzelne Ergebnis einer differenzierten Geschmacksprobe? Das Zeug wird plastiksackweise und unkritisch konsumiert, und meist kommen die Macher ungeschoren davon, weil sich kaum einer für ihre Machwerke interessiert – es sei denn, er findet Spaß an der psychologischen Analyse der sehr amüsanten Divergenz zwischen schlampig recherchierten Inhalten und der merkwürdig korrekten Vortragsweise, die so daherkommt, als handle es sich bei den Inhalten um die reine Wahrheit. Psychologisch amüsant ist das schon: der Brandstifter mit dem Designerfeuerzeug – gezündelt, aber nicht einfach nur so, Hauptsache die Bude brennt – nein: elegant und dadurch dokumentenecht.

Die Medien leben von der Sensation: Gibt´s keine – wie meistens –, muß sie „gemacht“ werden. Eine kleine Mücke ist, noch dazu als einzelne, völlig unspektakulär, also man macht sie zum Elefanten. Bald wird auch der Elefant langweilig, und man macht ihn zur Schnecke. Diese wundersamen Metamorphosen sind es, die uns aufwühlen und betäuben. Wer fragt schon, ob die Schnecke eigentlich eine Mücke war.

Am 3. Januar war es wieder einmal soweit: „Report“ München hatte etwas scheinbar Spektakuläres angerührt. Da man dem Sensationsgehalt der einzelnen Themen wohl mißtraute, hatte man zwei Themen so verwoben, daß sie Sensation garantierten: die Schönheitschirurgie und die Heilpraktiker. Schon tagelang vorher warb man für die Sendung: „Schönheitschirurgie ohne Ausbildung – Die lebensgefährlichen Eingriffe der Heilpraktiker“.

Als HP konnte man die Sendung kaum erwarten. Dann – die Sendung war mit allerlei Themen schon fast zu Ende, und man dachte, man sei auf dem falschen Kanal oder hatte sich geirrt – plötzlich doch: Eine Fettabsaugung durch einen Arzt brachte einer Risikopatientin den Tod. Dann schilderte eine Dame die Fettabsaugung in einem Institut durch einen HP – wohlgemerkt: sie schilderte den Fall im Fernsehen - live. Das Ganze habe in einem Institut stattgefunden, das einem HP gehöre, der die Fettabsaugung gleichfalls betreibe, so „Report“. Dieser Fall wurde von „Report“ pauschalisiert, als würden die HP massenhaft Fett absaugen. „Beim Geschäft um die Schönheit darf jeder mal ran …“ Inzwischen hat sich herausgestellt, daß der HP gar kein HP ist, sondern ein „Geschäftsmann“. – Schlampig recherchiert, „Report“! Aber eine gründliche Recherche wäre natürlich ein zu dünnes Eis für eine Pauschalverunglimpfung der Heilpraktiker gewesen. Natürlich setzt man sich so dem Verdacht aus, daß die schlampige Recherche im Zusammenhang mit der Zielaussage des Beitrags stehen könnte.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, Freunde von „Report“: es wird kein „Watergate“ daraus, es bleibt ein kleiner Voralpenföhn.

Oder war gar die Absicht des Beitrags: Hauptsache, es bleibt etwas hängen? Das wäre allerdings kein investigativer Journalismus, sondern eine ganz schlichte und einfache Schmutzkampagne.

Ihr


Naturheilpraxis 03/2005