EDITORIAL

Konstitution ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die drei Herren auf unserem Titelbild sind die Originalgrundkonstitutionstypen, wie sie der Tübinger Psychiater Ernst Kretschmer in seinem Buch „Körperbau und Charakter“ 1921 veröffentlichte. Andere Zeiten – andere Typen? ist man geneigt zu fragen. Die Barttracht läßt noch so ein wenig die gerade vergangene Kaiser-Wilhelm-Zeit erahnen, aber selbst dem Pykniker und dem Athletiker sieht man an, daß es Bilder aus der kargen Nachkriegszeit sind. In heutigen Wohlstandszeiten hat der Pykniker in der Regel seine Konstitution voll ausgeschöpft, besonders was die Veranlagung zur „Stammfettbildung“ betrifft.

Kretschmer entwirft eine Konstitutionstypologie, die von drei Normaltypen ausgeht, die sich jeweils sowohl in ihrem Körperbau ähneln, als auch gemeinsame charakterliche Merkmale aufweisen.
Aus seinen klinischen Beobachtungen leitet Kretschmer als Psychiater ab, daß sich diese drei Haupttypen ganz unterschiedlich auf den schizophrenen und manisch-depressiven Formenkreis der Geisteskrankheiten verteilen.
„Auch im gesunden Leben finden wir diese drei Haupttypen allenthalben wieder, sie enthalten an sich nichts Krankhaftes, sondern bezeichnen bestimmte normalbiologische Anlagen, von denen nur ein ganz kleiner Bruchteil eine pathologische Gipfelung, sei es auf psychiatrischem Gebiet, sei es in bestimmten inneren Krankheiten, erreicht.“
Kretschmer betont, daß zwischen den Typen wegen der vielen möglichen Mischformen keine scharfe Grenze gezogen werden könne.

Die Erkenntnisse Kretschmers sind ein Aspekt der Konstitution, aber eben nur einer. Konstitutionserwägungen mögen so alt sein wie die Medizin selbst, wenn sie über die einfache Erfahrungsheilkunde der Volksmedizin hinausgehen wollte, die schlicht und einfach Erfolgreiches wiederholt und eine bestimmte Anzahl von Mißerfolgen relativ unkritisch „abhakt“.

Die Annäherung an ein Individuum über mehr oder weniger ausdifferenzierte Konstitutionsmuster geht einen gewaltigen Schritt weiter und ist in der praktischen Heilkunde erstaunlich – oder eigentlich logischerweise – sehr erfolgreich. Die Annahme, daß gesundheitliche Probleme sich über bestimmte Konstitutionsschwächen Eingang verschaffen, ist millionenfach durch erfolgreiche Konstitutionstherapien – ohne spezifisch und losgelöst nur die Krankheit als Symptom zu beachten – bewiesen worden.

Das Ganze erscheint auch überaus logisch: Wenn einer unentwegt auf seinen ureigensten Schwächen herumtrampelt, muß es zu Problemen kommen. Daß diese Probleme dann Ausprägungen haben, die man auch mit einer Krankheit benamen kann, führt die klinische Diagnostik so manches Mal in die Irre, bzw. die daraus folgende Therapie doktert eben nur an diesen Symptomen herum und kommt nicht durchgreifend weiter.

Nicht selten hat der Ausgleich konstitutioneller Schwächen auch die Symptomatiken mit ergriffen. Deshalb gilt der Konstitutionsdiagnostik in ihrer Ausdifferenzierung (z.B. in der Augendiagnose) eine so große Aufmerksamkeit wie auch der überaus erfolgreichen Behandlung mit Komplexhomöopathie.

Wir haben unser Heft wieder einmal diesem Themenkreis gewidmet, berichten neben vielen fachlichen Beiträgen auch über ein Konsensusgespräch und eine Umfrage zur Dosierung von Komplexhomöopathika, mit denen sich die vor zwei Jahren gegründete „Fachgesellschaft für Komplexhomöopathie - FAKOM“ intensiv befaßt.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/2005