EDITORIAL

Klangwelt ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die wissenschaftliche Forschung scheint allzu oft detailverliebt. Jeder forscht in seinem Bereich und schaut kaum einmal über den Tellerrand hinweg. Außer man wird mit der Nase geradezu auf ein benachbartes Forschungsgebiet gestupst, dessen Zusammenhänge den ganzheitlich denkenden Menschen nicht wundern kann, sondern als selbstverständlich gilt. So forschten Ozeanographen und Seismologen bisher treu und brav jeder in seiner Welt, der eine erforscht die Bewegungen der Meere, der andere den Meeresboden mit seinem tiefen Brummen. Wie ein Erdbeben der Stärke 6: Soviel Energie setzen Vibrationen frei, die täglich den gesamten Erdball zittern lassen. Für unsere Wahrnehmung sind diese Schallwellen viel zu tief, den Seismometern jedoch entgehen sie nicht. Die äußerst empfindlichen Messgeräte registrieren seit Jahrzehnten alle Erschütterungen der Erde. Lange Zeit taten Seismologen den tiefen Singsang als störende Hintergrundgeräusche ab. Für ganzheitliche Naturbetrachter die Stimme von Mutter Erde.

Jetzt ist es Forschern gelungen, die Ursache des mysteriösen Brummens herauszufinden. Jahrelang stellten Forscher fest, daß die Erde unter Hamburg immer wieder dann laut brummte, wenn starke Stürme über dem Nordatlantik tobten. Die Stürme geben ihre Energie an die Wellen weiter, die wiederum ihrerseits den Meeresboden und die Erdkruste zu ihrem tiefen, modulierten Brummen anregen. Was lange These war, konnte jetzt untermauert werden: die Energie sehr langperiodischer Meereswellen reicht aus, die gesamte Erde ins Schwingen zu bringen.

Auch große Seen schwingen, vom Wind und von Luftdruckschwankungen bewegt, hin und her. Schwingungsberechnungen von Wasserbewegungen, auf elektronischem Wege über einen Synthesizer in Töne umgesetzt, ergaben einen fremden, geheimnisvollen und faszinierenden Klang, der an Sturmgebraus, Orgelspiel und Glockenklang erinnert. Für die mehr oder weniger harmonischen Schwingungen der Seen ist einmal ihre Form und ihr Bodenprofil maßgebend, andererseits die Art, wie die Seen angestoßen und bewegt werden. Wasserspiegelabsenkungen, Formveränderungen am „Klangkörper See“, sowie Motorbootbetrieb statt des Windes als bewegende Kräfte muß man unter diesem Aspekt kritisch werten. Auch die Verschmutzung der Gewässer verzerrt des reinen Wassers reinen Klang zum Geräusch. Sicher hat sich in Jahrtausenden in so einem See – an den natürlichen Schwingungen orientiert – eine gesamte Ökologie entwickelt. Diese Ökologie ist Ausdruck auch einer Harmonie ineinander greifender natürlicher Vorgänge, in die letztlich auch wir eingebettet sind.

Man kann nur hoffen, daß dem alten Verlangen der Natur- und Heilkundigen, die Natur erst zu verstehen und nicht unverstanden zu verändern, Gehör und Beachtung geschenkt wird. Wir müssen den Ruf der Natur hören und ihren Klang spüren und dürfen unsere ästhetischen Dimensionen nicht an korrigierten Landschaften und begradigten Flußläufen ausrichten.

Was sollen wir tun, wenn die Natur erst ganz „verstimmt“ ist? – Wo doch ein Dichterwort, so wir den Schlüssel (das Gespür) dafür haben, den Klang der Natur zu hören verheißt:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort
und die Welt hebt an zu singen,
triffst Du nur das Zauberwort.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/2005