EDITORIAL

Heil-Botschaft?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Man kann über alles scherzen, aber bei der Gesundheit hört der Spaß auf. Gesundheit gilt unwidersprochen als unser höchstes unantastbares Gut. Das mag auch damit zu tun haben, daß in ansonsten krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklungen die Gesundheit der einzige Wirtschaftszweig mit krisenfesten Zuwachsraten zu sein scheint. Auch steckt dahinter ein revolutionärer Wandel im Wertegefüge der westlichen Gesellschaften.

Das religiöse Vakuum ist mehr und mehr von der „Gesundheit“ adaptiert worden. Gesundheit ist zum zentralen Glaubensbekenntnis geworden.
In diesem Sinne ringt man darum, vor dem Gott der Gesundheit ein guter, gläubiger Mensch zu sein, auch wenn man in seinen Gesundheitsübungen im Alltag allzu oft ein armer „Sünder“ bleibt. Auch hier bestätigt sich die bedauerliche Maxime, daß der Geist stark, aber das Fleisch schwach ist.

Dabei ist das Spektrum der diesbezüglichen Glaubensübungen weit gefächert, angefangen bei den Wallfahrten zum Spezialisten, es gibt asketische Diätbewegungen, Fitneß-Studios als anerkannte Produktionsstätten von Gesundheit, Bonus-Malus-Systeme zur Verbesserung der Volksgesundheit, missionarische Kampagnen gegen Rauchen, Trinken und Essen. Und da ist – noch – unsere pazifistische Ernährungsministerin, die stets Worte wie „Kampf“ und „Mobilmachung“ im Munde führt gegen – nein, nicht gegen Terrorismus –, sondern gegen die deutsche Fettzelle. Es gibt Städtemarathons als massenhafte Erweckungsbewegungen, hunderte von Ernährungsgeboten mit den dazugehörigen Ernährungssünden, die ein stetes schlechtes Gewissen machen, es gibt Gesundheitspäpste, Irrlehren, die mit inbrünstiger Gläubigkeit fanatisch geglaubt werden, und es gibt last but not least die Scholastik der Schulmedizin: eine gigantische Realsatire, aber keiner lacht.

Das Nachlassen unserer Religiosität und deren Quasiverschiebung in den Gesundheitsbereich hat natürlich unser Menschenbild verändert, denn die Gesundheitsreligion hat konsequent ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt, in dessen Zentrum die „Ethik des Heilens“ steht. Dabei ist natürlich der eigentliche Ethikbegriff untergraben worden, wenn das oberste Glaubensziel Gesundheit ist, dem sich alles unterzuordnen hat, so nach der Devise: Der Zweck heiligt die Mittel. Wenn das Klonen auf vehemente Ablehnung stößt, so bröckelt die Front inzwischen gewaltig, wenn das Zauberwort vom „therapeutischen Klonen“ in die Runde geworfen wird. Therapeutisch? fragt man: da geht es ja im wahrsten Sinne des Wortes um das oberste Glaubensziel – und Glaubensgegner werden in die Argumentationsenge getrieben. Auch die, die es besser wissen müssen, stellen in Frage, ob man denn da ganz am Anfang des Lebens – bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle – schon von „Mensch“ reden könne in seiner Unverwechselbarkeit. Aber das Interesse von Wissenschaftlern und Unternehmen (meist Hand in Hand) möchte an die Produktion herankommen.

Man sollte sich die Diskussion nicht zu leicht machen. Die Frage steht im Raum, ob sich nicht evtl. die „Ethik des Heilens“ über die „Ethik“ hinwegsetzt.

Als Heilberuf hat man in einer Zeit, in der die Gesundheit falsch verstandene Ersatzreligion zu sein scheint, eine besondere Verantwortung: nämlich ein guter „Priester“ zu sein, der aufklärt auch über die Hintergründe, die Zusammenhänge und evtl. den Sinn unseres Menschseins – auch mit einer Krankheit, die man behutsam mit den Mitteln unserer Naturheilkunde angeht unter dem Respekt vor einer unverwechselbaren Persönlichkeit als Geschöpf.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/2005