EDITORIAL

Subjektive Epoche?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Dem einzigen Perpetuum, das von Ewigkeit zu Ewigkeit reicht, nämlich dem unentwegten Ablauf der Zeit, kann sich wohl niemand entziehen. Jeder wird ein mehr oder weniger langes Stück mitgerissen.

Wie er diesen Anflug der Zeit ausfüllt, welche Inhalte diesen Abschnitt prägen, das allein läßt dieses Quentchen Zeit in seiner Bedeutung für den einzelnen zu einer Art subjektiven Epoche werden, die ihm liebenswert verständlich immer wieder den Blick für das Objektive verstellt. Auch die Hilfestellungen weltanschaulicher und religiöser Korrekturparameter erreichen uns manchmal nicht, wo sie uns doch Einsicht in die Bedeutung und gleichzeitig die Bedeutungslosigkeit unserer individuellen Existenz schenken könnten.

Dennoch haben das individuelle Ausgestalten und die subjektive Sicht für den einzelnen selbst eine ganz große Bedeutung und unterscheiden den einen vom anderen – auch während eines ihnen gemeinsam zugemessenen gleichen Zeitabschnitts. Nicht zuletzt deshalb bestehen auch so viele Divergenzen zwischen den individuellen Bedürfnissen der Menschen und der am wissenschaftlich-systemischen Denken ausgerichteten Bedarfsplanung und -gestaltung durch die politische Öffentlichkeit, die meint erkannt zu haben, wie wir denn leben müßten, und uns immer mehr bevormundet, besonders im öffentlichen Gesundheitswesen.

Einerseits werden immer weitere Freiräume und Freiheiten geschaffen, andererseits verlernen die Menschen mehr und mehr, diese sinnvoll zu nutzen.

Seit die an den individuellen Bedürfnissen orientierten und gewachsenen Strukturen – wie Familie, Religion u.ä. – zurückgedrängt wurden, ist eine zunehmend am Alter der Menschen ausgerichtete Einteilung der Lebensaufgaben und -inhalte zu beobachten, die ihre Rechtfertigung aus statistischen Erwägungen ableitet. Dies führt konsequenterweise zu einer minderen Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und zu einer mehr summarischen Betrachtungsweise und in der Realität zu einer Gruppenabgrenzung und Kasernierung dieser einzelnen Gruppen. Dabei erscheint die Einteilung nach Lebensaltern am wenigsten sinnvoll zu sein, da sie eine für die Vielfältigkeit der Lebensumstände in den unterschiedlichen Altersabschnitten notwendige Interaktion der Altersgruppen weitgehend verhindert.

Besonders stark leidet die Gruppe der älteren Menschen unter diesem Mißverständnis. Einsamkeit, Zusammenhanglosigkeit, Resignation, Depression, Ohnmacht und Unverständnis sind oft der Endpunkt der Entwicklungen von Menschen, die mit viel Hoffnung, Kraft und Einsatz ihre Schaffenskraft in eine Gesellschaft investiert haben, die ihnen das offensichtlich nicht dankt. Und solange die Therapien für diese Zustände aus Tranquilizern, Psychopharmaka und Schlafmitteln bestehen, haben diese älteren Menschen recht mit der Annahme, daß wir sie nicht verstehen. Es wird höchste Zeit, sich naturheilkundlicher Grundwahrheiten zu erinnern, die ein viel tieferes Verständnis einmal für die unterschiedlichen Lebensphasen beinhalten und andererseits die unterschiedlichen konstitutionellen Bedingungen in den einzelnen Lebensphasen berücksichtigen.

Weg von der Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit hin zur Gelassenheit und Heiterkeit. Diese ist nämlich kein Privileg einer unbedenklichen Jugend, wie Hermann Hesse sagt: „Die Heiterkeit ist weder Tändelei noch Selbstgefälligkeit, sie ist höchste Erkenntnis und Liebe, ist Bejahen aller Wirklichkeit. Wachsein am Rand aller Tiefen und Abgründe, sie ist unzerstörbar und nimmt mit dem Alter und der Todesnähe nur immer zu.“

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/2005