EDITORIAL

Transparenz

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler – auch im Gesundheitswesen, nur sind die Folgen dort oft schwerwiegend. Etwa 40000 Behandlungsfehler werden in Deutschland jedes Jahr angezeigt. Dies sei erst die „Spitze des Eisbergs“, glaubt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und vermutet, daß mehr Menschen durch falsche Behandlung sterben als etwa durch Brustkrebs.

Eine konsequente Foderung wäre ein systematisches Fehlermanagement. Man kann es als einen Paradigmenwechsel bezeichnen, daß sich in diesem April auch der Deutsche Ärztetag einstimmig für die Einführung von Fehlermeldesystemen ausgesprochen hat.
Behandlungsfehler waren ein Tabu. Die Sorge, sich dadurch in Mißkredit zu bringen, überwog.

Aber in einer Zeit des raschen und umfassenden Informationsaustauschs, der Transparenz mit sich bringt, scheint es allemal vernünftiger zu sein, selbst Fehler zuzugeben und zu dokumentieren, als sie sich aufgrund vieler Dokumentationsvorgänge nachweisen zu lassen. Hinzu kommt, daß durch die europäische Gesetzgebung eine zunehmende Beweislastumkehr etabliert wird, die die Patientenrechte weiter stärkt.
So wurde im September 2004 im Internet ein freiwilliges Fehlerberichtssystem für ambulante Praxen eingerichtet. Ärzte können darin anonym Probleme schildern, Rat bekommen oder aus Fehlern anderer lernen.

Auch einige Kliniken setzen inzwischen anonyme Meldesysteme ein, die Fehler analysieren, um daraus Vermeidungsstrategien zu entwickeln.
Da viele Fehler auf falscher Medikamentengabe beruhen, wurden bereits in einer Art Check-Liste Hochrisikomedikamente definiert und erläutert, wie mit ihnen umzugehen ist.
Voraussetzung dafür ist ein Klima des Vertrauens. Nicht dem einzelnen darf, z.B. in einem Klinikbetrieb, die Schuld zugeschoben werden, sondern das System ist auf Fehler zu analysieren.

Wie gesagt: jeder macht Fehler, zum Glück sind sie meist folgenlos. Wer offen damit umgeht, dem entzieht der Patient auch nicht das Vertrauen. Und den Behandler lehrt es eine für einen Heilberuf nützliche Demut.
Letztendlich geht es um die optimale Patientensicherheit. Voraussetzung dafür ist Qualität – und diese ist unteilbar mit Transparenz und Dokumentation von Qualifikation verbunden.
Das gilt übrigens nicht nur für die klinische Medizin, sondern ebenso für jeden anderen Heilberuf.
Zudem ist es auch ein unabdingbarer Grundsatz des Lege-artis-Vorgehens der Naturheilkunde, die den Respekt vor der Unverletzlichkeit der hilfesuchenden Persönlichkeit ins Zentrum stellt.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/2005