EDITORIAL

"Wer heil hat recht"

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wer heilt, hat recht“ – Worte, die eine tiefe und unerschütterliche Wahrheit ausdrücken und die – so sie respektiert und anerkannt würden – sich sehr segensreich auf unser Leben auswirken könnten.

„Wer heilt, hat recht“ – Worte aber auch, die allzu leichtfertig und allzu parat auf dem Jahrmarkt der billigen Alltagsargumentationen und Sprüche feilgeboten werden: durch allzu häufigen Gebrauch – sprich Mißbrauch – abgegriffen und ihres tiefen wahrhaftigen Sinns entleert. Wie oft werden diese Worte einfach als Argumentation benutzt – in einer unerlaubten Begriffseinengung – lediglich rechthaberisch: „Wer heilt, hat recht! Ätsch!“ Oder wie oft werden diese Worte in den Raum gestellt, wenn man sich durch spitzfindige Argumentationen der Gegenseite in die Enge gedrängt glaubt und einem kein Argument mehr einfällt, das der Spitzfindigkeit des Gegners die Spitze abbricht, und man dann ein Gespräch mehr oder weniger pikiert beendet: Na ja – jedenfalls: Wer heilt, hat immer noch recht.

Durch den inflationistischen Umgang mit ihnen werden die Worte abgewertet. Sie verlieren auch an Gewicht, wenn man sie ständig im Munde führt.

Unser Berufsstand sollte gerade der sein, der diese Worte nicht auf der Zunge, sondern im Herzen trägt. Und sie als eine zutiefst innere Begründung für die Berechtigung zur Ausübung der Heilkunde begreift.

Natürlich stimmen diese Worte – auf wunderbare Weise. Sie verlangen von uns respektvollen und sparsamen Umgang mit ihnen. Nicht jeder von uns heilt immer – nicht jeder von uns hat immer recht. Und deshalb sind diese Worte als summarische Aussage eines ganzen Berufsstandes nicht prinzipiell und immer geeignet.

Ich möchte Realität aus dieser Weisheit gewinnen. Und da fällt mir ein Erlebnis des bekannten Psychoanalytikers C.G. Jung ein, wie dieser einer Patientin die ansonsten therapieresistenten Schmerzen immer wieder mit einer kurzen Gesprächstherapie nehmen kann. Die Schmerzen kehren zurück nach einiger Zeit, sie sucht abermals ihren Behandler auf, und nach wenigen Worten sind die Schmerzen wiederum verschwunden. Es stellt sich schließlich heraus, daß diese Patientin einen geistig behinderten Sohn hat, in den sie alle ihre Hoffnungen gesetzt hatte. Es tritt weiter ans Tageslicht, daß die Patientin ihren Behandler in ihrer Vorstellung als ihren Wunschsohn angenommen hat. Als aber der Behandler diese starke Bindung der Patientin an ihn erkennt, nimmt er diese Bindung an und geht nicht auf Distanz, weil es einmal zu persönlich oder zu eng wird.

Bindungen und Verpflichtungen anzunehmen scheint zum Heilen zu gehören, zum tieferen Verständnis der Sorgen und Nöte. Diese Chance zur Heilung muß auch in Zukunft erhalten bleiben – auch oder gerade wegen der instrumentalisierten öffentlichen medizinischen Bedarfsdeckung, wo manches individuelle Bedürfnis auf der Strecke bleibt.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 11/2005