EDITORIAL

"Man kann sich kalte Fe holen"

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

theoretisch wäre es natürlich möglich, daß das Jahr auch in jedem anderen Monat zu Ende ginge und danach ein neues begänne. Es handelt sich ohnehin um eine immer wiederkehrende Folge von sich abwechselnden Jahreszeiten, kalendarisch nach Monaten, Wochen und Tagen und uhrzeitlich nach Stunden, Minuten und Sekunden eingeteilt, wobei das Ganze erst sinnvoll wird durch das Sich-Fortbewegen wie ein Perpetuum mobile. Nichts ist so sehr Ausdruck des Lebendigen wie das sich Bewegende, das sich Entwickelnde. In keiner Zeit des Jahres aber scheint diese unaufhörliche Entwicklung so sparsam mit ihren Äußerungsformen umzugehen, die unserer sinnlichen Wahrnehmung diese Entwicklung signalisieren, wie im Winter.

Auch im Weltbild der klassischen chinesischen Medizin ist der Winter bestimmt von der Energie der Kälte, die sich im irdischen Element des Wassers materialisiert. Der Winter bedeutet Stagnation, Erstarrung. Im Bereich der seelischen Qualitäten wird die Angst assoziiert. Angst und Kälte haben die gleichen Äußerungsformen: nämlich das Zittern.

Es verwundert nicht, daß der Ort subjektiven Krankheitsempfindens wie auch der Ort der „objektiven“ Wahrnehmung der Krankheitssymptome übereinstimmen und als einer erkannt werden konnte, der den auslösenden äußeren Einflüssen besonders ausgesetzt ist. Für die Kälte gelten der Rücken und die Füße als Prädilektionsstellen, andererseits werden diese Körperabschnitte auch im Sinne einer induktiv-synthetischen Betrachtungsweise als geeignete Orte für eine Reiztherapie bei Kältekrankheiten angesehen. Am Rücken und an den Füßen spürt man die Kälte zuerst, besonders im Bereich des Blasenmeridians. Volkstümliche Redewendungen belegen das sehr bildhaft: „Es läuft einem kalt den Rücken runter.“ Oder „… da kann man sich kalte Füße holen“. Kälteeinwirkungen über diese besonderen Reizorte Rücken und Füße haben in erster Linie Krankheiten der dem Element Wasser zugehörigen Organe Niere und Blase zur Folge. Auch die den Elementen Kälte und Wasser zugehörige Gefühlsqualität Angst kann einem buchstäblich „im Nacken sitzen“. Der frierend zusammengekauerte Mensch ähnelt in seiner Haltung einem angstvoll eingerollten Tier.

Die Körperoberfläche, die der Kälte ausgesetzt ist, wird verringert und bietet weniger Eindringmöglichkeiten. Auch die Angst wird besänftigt in dieser kauernden Schutzhaltung. Man ist praktisch nur noch Rücken und Füße, und das sind eben die physiologischen Angriffsflächen für die pathobioklimatische Energie der Kälte. Man begreift die weiteren Assoziationen des Winters: das Dunkle, die Farbe Schwarz, die Himmelsrichtung Norden, von den Körperschichten die Knochen und Zähne (das Harte) und nicht zuletzt von den Sinnesorganen das Ohr, das die Stille des Winters belauscht und die spärlichen Unterbrechungen dieser Stille: das Knacken eines gefrorenen Zweiges oder das Knirschen eines Stiefeltritts.

Der Winter ist die Zeit des zusammengekauerten Sich-nach-innen-Wendens. Die Zeit des Kaminfeuers, das Kälte, Dunkelheit und das lange Warten auf den ersten Frühlingswind verkürzen soll. Im I GING heißt es: „Wenn Du wahrhaftig bist, so hast Du Licht und Gelingen. Beharrlichkeit bringt Heil. Förderlich ist es, das Wasser zu durchqueren. – Das Warten ist kein leeres Hoffen. Es hat die innere Gewißheit, sein Ziel zu erreichen.“

Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine besinnliche Zeit des Wartens und viele erwärmende Gespräche in Ihren Familien und Ihrem Freundeskreis.

Verlag und Redaktion bedanken sich bei Ihnen für Ihre Lesetreue.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/2005