EDITORIAL

„Natur und Technik“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Natur und Technik. Wieso und? Entweder – oder, möchte man meinen.

Zunächst fällt einem, nach dem Gegensatz von Natur befragt, die Technik als große Antipode ein. Dem Bewegten, sich Entwickelnden steht der kalte Ablauf, das Funktionieren von Technik entgegen, der etwas von Berechenbarkeit zwar, aber auch Unnatur anhaftet. Der Mensch flüchtet aus der technischen Umgebung in die Natur und sucht dort Erholung. Er möchte, nachdem er in der technischen Welt in intellektuelle oder mechanische Funktionsabläufe eingebaut war, endlich „seine Seele baumeln lassen“, und das in der Natur. Das Wechselbad hat zweifellos Erholungswert – Erholung von dem einen in dem anderen. Gerade aber weil der Mensch ein natürliches Wesen ist, hat er auch etwas aus dieser anderen Welt, der technischen, adaptiert. Auf seiner Reise in die Natur nimmt er in seinem Gepäck etwas mit, was er in dieser anderen Welt, der technischen, durch eigene Erfahrungen – oder auch schon genetisch in Hunderten von Jahren durch seine Vorfahren – adaptiert hat. Und kaum, daß er in der Natur die Saiten seiner Seele einmal richtig gespannt und eingestimmt hat, beginnt er eigentlich schon sein Erfahrungsgepäck auszupacken und hier und da dieser schönen Natur ein wenig nachzuhelfen. Sie wissen, was ich meine: Bäume werden zur Hütte, das Wasser wird über einen hohlen Baumstamm bis vor die Hütte geleitet, und die ganze Reise menschlichen Entdeckergeistes mit dem Endziel technischer Perfektion beginnt von neuem.

Allerdings glaubt wohl niemand ernsthaft, daß es ein Zurück gäbe. Der Mensch lebt von jeher in dem Spannungsfeld von sozialromantischer Rückwärtsgerichtetheit und der Entdeckerfreude mit dem Sturm auf neue Ziele. Das Leben in diesem Spannungsfeld ist ausgesprochen natürlich – sicher einer der Vitalzündfunken menschlicher Existenz.

Wenn denn auch technische Entwicklungen als ganz normale und „natürliche“ Evolution angenommen werden, so ist leider immer noch nicht die Frage nach den Grenzen dieser Entwicklung beantwortet – und auch nicht die Frage nach dem Sinn des letztendlichen Zielpunktes. Ohne Frage bedrückt uns heute das Problem der Beherrschbarkeit technischer Möglichkeiten, wir fürchten die Verselbständigung.

Die beiden Extreme – hier die Steinzeit, dort der Roboter – scheinen nicht die Lösung zu sein. Vielleicht doch eine Art Symbiose? Also vielleicht doch Natur und Technik? Beides zusammen in einer gesunden, sich befruchtenden Gemeinschaft, in der die Natur als Urwahrheit, als Kontrollinstanz respektiert werden müßte.

Wenn man das Wort Technik in seiner ursprünglichen Begrifflichkeit abtastet, dann kann man es sicher am besten an dem Wort Handhabung festmachen. Wenn also ganz besonders in der Medizin die Handhabung klar unter der Kontrolle des denkerisch Inhaltlichen steht, so hat die Handhabung zunächst keine negative Wertung. Von jemandem, der etwas sehr geschickt handhabt, sagt man auch: er hat eine gute Technik.

Insofern kann Technik, gerade in der Medizin, in der Behandlung von Menschen auch in unserem Beruf segensreich sein. Eine gute Injektionstechnik, eine gute Nadeltechnik in der Akupunktur, das geschickte Schröpfen und Baunscheidtieren und viele ähnliche Verfahren, die wir ausüben.

Herzlichst Ihr


Redaktion und Verlag wünschen all unseren Leserinnen und Lesern ein erfolgreiches neues Jahr 2006

Naturheilpraxis 01/2006