EDITORIAL

Zukunftsmusik?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, daß das Geld im öffentlichen Gesundheitswesen immer knapper wird, daß es in Zukunft mehr Ärzte geben wird, die längst nicht alle als Kassenärzte verkraftet werden können und zunehmend in freie Praxen drängen – und was liegt da näher als der Arzt für Naturheilverfahren.

Die einen reagieren mit der Meinung, wir Heilpraktiker dürften uns das Gut der Naturheilkunde, das ja ganz unbestritten zu uns gehört, nicht aus der Hand nehmen lassen. So weit – so unrichtig.

Die anderen meinen, beim ärztlichen Trend zu mehr Naturheilkunde wird es sicher auch nicht auszuschließen sein, daß es eines Tages in den medizinischen Fakultäten der Universitäten Lehrstühle für Naturheilkunde geben wird. Und daß der Heilpraktiker langsam, aber sicher aus der Praxis gedrängt werde. Solche Standpunkte sind verständlich, aber sie haben einen Fehler: sie sind in gewissem Sinne spekulativ. Im Bereich eines Heilberufs, zu dem Menschen in ihrer Not kommen und der letztlich nur danach bewertet werden kann, ob sie Hilfe finden oder nicht, sind berufsständische Überlebensspekulationen solcher Art nicht ungefährlich. Es geht in unserem Berufsstand um sehr viel mehr als um die eine oder andere Bezeichnung unserer Tätigkeit. Man mag es nennen, wie man will: das Tätigkeitsfeld des Heilpraktikers in seiner gesamten Vielfältigkeit ist nicht nur sein Besitzstand, den er sich täglich neu verdienen muß, sondern es muß vielmehr in erster Linie um der Millionen von hilfesuchenden Patienten willen erhalten bleiben. Von der Harnschau über die Irisdiagnose bis zum Labor, von der Segmentmassage über Wickel- und Phytotherapie bis zu den – einen gezielten Heilreiz setzenden – Injektionen geht das unverzichtbare Spektrum der Naturheilpraxis. Die Vielfalt ist gerechtfertigt einmal durch die verschiedenartigen Fähigkeiten der Behandler und noch viel mehr durch die noch größere individuelle Vielfalt der zu Behandelnden. Weder das Geltendmachen von Ansprüchen auf bestimmte Begriffe wie Naturheilkunde, noch das anscheinend diplomatische Sichzurückziehen auf „nur“ Volksheilkunde können etwas daran ändern, daß die Freiheit der Vielfalt der Therapien für uns unverzichtbar ist und erhalten werden muß. Und wenn in Zukunft neue gezielte Reizsetzungen entdeckt oder erarbeitet werden, die der Natur die Möglichkeit geben, in einen natürlichen Heilverlauf einzumünden, dann werden auch diese Therapien – ungeachtet unter welcher Bezeichnung sie einkategorisiert werden –, zum Heilschatz des Heilpraktikers gehören müssen.

Eine Grenze freilich gibt es, die aber auch wiederum in der Natur der Sache liegt, und das ist die Grenze des Risikos. Selbstverständlich gehören Diagnosen und Therapien, die man am besten im Nebenzimmer einer Intensivstation durchführt, nicht zum Heilschatz des Heilpraktikers. Der Heilpraktiker macht Naturheilkunde im weitesten Sinne, indem er ihren Auftrag erfüllt, nämlich sich kundig zu machen, wie die Natur heilt. Das sollten wir Heilpraktiker in jedem Falle tun, bevor wir tätig werden. Und darüber, ob unser Berufsstand überlebt, entscheidet nicht, was die anderen machen, sondern was wir unterlassen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/2006