EDITORIAL

Regenmacher?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Seit 100 Jahren transportieren die großen Ströme der Erde jedes Jahr mehr Wasser in die Ozeane. Diesen kontinuierlichen Trend koppelten französische Forscher an den globalen Temperaturanstieg im selben Zeitraum. Sie kamen zu dem Ergebnis, daß eine Temperaturerhöhung um ein Grad Celsius mit einer Steigerung der Süßwassermenge um vier Prozent einhergeht. In absoluten Zahlen bedeutet das: Heute transportieren die Flüsse etwa 1000 Kubikkilometer Wasser mehr als vor 100 Jahren.

Der Klimawandel ist jedoch nicht der Grund für diesen Anstieg. Die direkte Ursache verbirgt sich in der Pflanzendecke der Erde, wie britische Forscher im Februar in der Fachzeitschrift „Nature“ berichten.

Weil der Anteil von Kohlendioxid (C02) in der Luft zugenommen hat, verdunsten Pflanzen weniger Wasser, und als Folge fließt mehr Niederschlagswasser direkt ab, anstatt als Wasserdampf wieder in die Atmosphäre aufzusteigen.
Damit spielen Pflanzen als Wettermacher eine weit größere Rolle als angenommen. Denn 1000 oder sogar 2000 Kubikkilometer in den Flüssen fehlen als Wasserdampf in der Atmosphäre, so daß die Wolkenbildung beeinflußt wird und die als Regen oder Schnee niedergehenden Niederschlagsmengen geringer werden müssen.
Kohlendioxid ist für Pflanzen ein lebensnotwendiger Nährstoff, und Wasser ist für sie die Währung, mit der sie das CO2 bezahlen, das sie „der Luft entziehen“. Das Treibhausgas verwandeln sie im Verlauf der Photosynthese in Traubenzucker und andere organische Substanzen, von denen alle Tiere und auch Menschen sich letztlich ernähren.

Die Gasaufnahme erfolgt streng kontrolliert. Dazu besitzen Blätter auf ihrer Ober- und Unterseite winzige Poren. Sie werden wegen ihrer Form auch Spaltöffnungen genannt, und die lassen sich öffnen und schließen. Bei CO2-Bedarf werden die Blattporen geöffnet, um das Gas aufzunehmen. Dabei entweicht jedoch unweigerlich Wasser. Eine 100 Jahre alte Buche gibt an einem durchschnittlichen Sommertag über ihre rund 600000 Blätter 400 Liter Wasser ab, das sie mit Hilfe der Wurzeln aus dem Boden „nachfüllen“ muß. Insgesamt verdunstet die globale Vegetationsdecke mehr Niederschlagswasser, als alle Flüsse zusammen in die Meere rücktransportieren.
Doch Pflanzen wirtschaften ökonomisch. Sie halten ihre Blattporen nur so lange geöffnet, bis ihr CO2-Bedarf gedeckt ist. Das heißt, bei hohem C02-Gehalt der Luft sind die Öffnungszeiten verkürzt, und der unvermeidliche Wasserverlust wird geringer. Folglich muß weniger Wasser aus dem Boden nachgeliefert werden, der Anteil des vom Boden sofort abfließenden Regenwassers wird größer.

Vernachlässigt man den biologischen Einfluß des Kohlendioxids auf die Wasserverdunstung der Pflanzen und betrachtet nur seinen physikalischen Effekt als Treibhausgas, dann ist das Ergebnis völlig anders. Der Klimawandel allein würde die Wassermengen der Flüsse sogar verringern.
Pflanzen spielen somit eine erhebliche Rolle im globalen Wasserkreislauf und im Wettergeschehen. Wird von der Vegetation weniger Wasserdampf abgegeben, dann gehen Wolkenbildung und Regen zurück. Ein Mehr an Süßwasser in den Flüssen erhöht zwar die Verfügbarkeit von Trinkwasser, allerdings um den Preis, daß auch Überschwemmungen höher steigen und damit mehr Schäden verursachen als ohnehin schon.

Richtige Regenmacher - unsere Pflanzen.

Lassen Sie sich unseren Schwerpunkt „Phytotherapie“ gefallen!

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/2006