EDITORIAL

Allergisch?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Jedes Jahr dauert sie ein bißchen länger - als Folge der globalen Erwärmung: die Heuschnupfensaison. Die Menge der pro Pflanze freigesetzten Pollen wächst, und der Blütenstaub wirkt immer aggressiver. Das führt zu einer steigenden Zahl von Heuschnupfenpatienten auch in Altersklassen, die bisher kaum betroffen waren.

In der Sprechstunde sehen wir zunehmend Patienten, die mit 70 oder 75 Jahren erstmals über Heuschnupfen klagen. Der Anteil der über 5Ojährigen, die eine Pollenallergie neu entwickeln, nimmt dramatisch zu. Parallel leiden immer jüngere Altersklassen unter dem Pollenflug. Mittlerweile sind schon Babys im ersten Lebensjahr von Heuschnupfen betroffen. In Deutschland leiden nach Schätzungen etwa 15 Millionen Menschen unter Heuschnupfen. Jeder zehnte Patient, der erstmals mit Heuschnupfen in die Behandlung kommt, ist heute älter als 60 Jahre. Der Anteil der Kleinkinder mit den gleichen Beschwerden liegt inzwischen bei sieben Prozent.

Als ein Grund gilt die Erderwärmung um 0,6 Grad in den letzten fünf Jahrzehnten. Die Pollensaison in Europa verlängerte sich allein in den vergangenen dreißig Jahren um zehn bis zwölf Tage. Hasel, Erle oder Esche fangen immer früher an zu blühen, Gräser und Kräuter blühen immer länger - bis in den späten Herbst hinein.

Die Pollen verändern unter Umweltbelastungen ihre Struktur. Sie setzen entzündungsfördernde Stoffe, sog. pollenassoziierte Lipid-Mediatoren (PALM), frei. Diese sind körpereigenen Botenstoffen sehr ähnlich und begünstigen vermutlich Allergien. Untersuchungen deuten darauf hin, daß die PALM–Produktion durch Abgase und Feinstaub verstärkt wird: Pollen, die an Straßenrändern gesammelt wurden, bildeten eine deutlich größere Zahl dieser Eiweißverbindungen als Pollen von ländlichen Wiesen. Pflanzen reagieren auf die zunehmende Luftverschmutzung in Ballungszentren mit vermehrter Bildung von Streßeiweißen.

Heuschnupfen ist nicht nur körperlich anstrengend. Er beeinträchtigt in erheblichem Maße auch die geistige Leistung. Die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF) weist auf Untersuchungen hin, wonach Kinder in der Schule und Erwachsene am Arbeitsplatz rund dreißig Prozent ihrer Leistungsfähigkeit einbüßen: Dennoch lassen sich nur etwa zehn Prozent medizinisch behandeln.

Die meisten verzichten auf eine Behandlung, weil sie den allergischen Schnupfen für lästig, aber harmlos halten. Eine gefährliche Fehleinschätzung, wie wir aus unserer täglichen Praxis wissen. Schnell kommen weitere Allergien dazu. Hausstaubmilben, Schimmelpilze und Tierhaare sind die ersten Kandidaten; auch Kreuzallergien mit Nahrungsmitteln wie Äpfeln oder Nüssen nehmen zu. Weit bedrohlicher ist jedoch der sogenannte Etagenwechsel, wenn die Allergie sich nicht mehr auf die oberen Atemwege beschränkt, sondern auch die Bronchien befällt. 40 Prozent der unbehandelten Heuschnupfenpatienten entwickeln im Laufe der Zeit ein allergisches Asthma. Betroffen vom Etagenwechsel waren bisher vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Inzwischen haben viele Patienten mit 65 Jahren erstmals Heuschnupfen - und schon mit 68 Asthma.

Die symptomatischen Behandlungen haben so ihre Probleme.

Die Naturheilkunde, die das Ganze als ein Problem einer gestörten Homöostase begreift und gründlich und langfristig vorgeht, kann wohl als eine erfolgversprechende Alternative gelten. Wir beleuchten das Problem in unserer Mai-Ausgabe von unterschiedlichen Perspektiven aus.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 05/2006