EDITORIAL

... Medizin-Wahrheit?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,,

Wo steckt eigentlich die medizinische Wahrheit? Für die Praxis ein unerheblicher Theorienstreit mit sehr unterschiedlichen Ausgangspunkten. In der Praxis kann es einzig und allein darauf ankommen, daß der Patient gesund wird oder bleibt.

Aber dennoch sind wir hier an einem Punkt, an dem sich ganz bestimmte „Geister“ scheiden.

Diejenigen, die die Medizin als angewandte Naturwissenschaft verstehen, postulieren, daß alles, was sich nicht messen, wiegen oder durch ähnlich unbestrittene Begrifflichkeiten quantifizieren läßt, nicht existent sei.

Die Beschäftigung damit sei nicht nur unwissenschaftlich, sondern gehöre strenggenommen in den Bereich des Okkulten; zumindest aber müsse es mit der Vorsilbe „Para-“ belegt werden. Wer sich dennoch damit befasse, dem fehle einfach der wissenschaftliche Durchblick. Eine – wenn auch langweilige – sauber geordnete Welt, deren Schutzschild die Arroganz der Mittelmäßigkeit bildet. In aller Regel nimmt die praxisausübende Basis von den Spitzenentdeckungen ihrer Forscher gar nicht oder nur mit einer tragischen Verspätung von bis zu 50 Jahren Kenntnis – von unbequemen, d.h. zum Umdenken zwingenden oder gar revolutionierenden Entdeckungen womöglich noch später; es sei denn, eine Erfindung wird vom Interessenpartner – der Pharmaindustrie – durch deren Referenten in einer leichter verständlichen Form, einer Art technisch-wissenschaftlichen Märchenstunde, verbunden mit kleinen – die Freundschaft fördernden – Beigaben an die vielbeschäftigte tätige Basis weitervermittelt.

Die anderen, die sich auf die Erfahrung berufen, haben ein Recht auf ihrer Seite, das der Begriff der Erfahrung grundsätzlich immer beinhaltet – als Ergebnis eines im Verlaufe langer Anwendung entstandenen Selektionsprozesses, der Erfolgloses ausmustert, Erfolgreiches beibehält und der Wiederanwendung empfiehlt.

Der Erfahrungsheilkundler neigt im Gegensatz zum sog. Naturwissenschaftler nicht dazu, alles, was sich seiner Vorstellung entzieht, etwa abzulehnen und als nicht existent zu negieren, sondern gerade im Gegenteil eher zu mystifizieren und in den Bereich der Ahnungen und Wunder zu rücken, die gerade dadurch erst so schön werden, weil sie unverständlich bleiben; wobei allerdings der Bereich der Ahnungen – als aus den Bezirken des Unterbewußtseins stammend – in der Form sensibler und intuitiver Intelligenz gerade für einen Heilberuf besonders wertvoll erscheint.

Beide gegensätzlichen Standpunkte verbissen zu vertreten kann sich als gefährlich erweisen: Wie oft muß sich ein Wissenschaftler nach einer Entdeckung revidieren und seine zuvor gemachte Behauptung zurücknehmen. Wie oft aber wird auch dem anderen durch eine Entdeckung ein Wunder entrissen, und das nur, weil es jetzt erklärbar geworden ist.

Da diese beiden gegensätzlichen Standpunkte möglicher Krankheitsbekämpfung auch noch fast deckungsgleich von zwei konkurrierenden Berufsständen vertreten werden, ist es bisher immer verborgen geblieben, daß die Gegensätze eventuell überbrückbar wären, wenn jeder von seinem Vorurteil ein wenig abbaut und merkt, daß das scheinbar sich gegenseitig Ausschließende in ein wechselseitiges Sich-Ergänzen einmünden könnte und dabei durchaus nicht zufällig noch die Zielvorstellung beider getroffen würde: nämlich das Wohl des Patienten.

Man sollte zunächst aufhören, für die gegenteiligen Standpunkte mehr oder minder wirksame Schlachtrufe mit dem Ziel der Vernichtung des Gegners auszustoßen. Man könnte sich sicher auf einen gemeinsamen Grundnenner einigen, der der Wahrheit recht nahe kommt, wenn es nicht überhaupt zufällig die Wahrheit ist.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/2006